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Montag, 29. Dezember 2014

das märchen von den fehlenden messerbänkchen

Nummeriert oder nicht nummeriert?

martin lagosse (er war damals klein & blieb auch so) war 1953/54 bei einem der ersten deutsch-französischen schüleraustausche nach dem 2. weltkrieg, mein austauschpartner. er war es, der zuerst in unserer familie in dusslingen vier wochen lang gast war. danach (oder im jahr danach) war ich gast in seiner familie in bordeaux. so ging das dann jahrelang, unsere beiden väter freundeten sich auch an, obwohl sie sich, wie sie feststellten, im ersten weltkrieg in den ardennen wahrscheinlich an der front gegenüberlagen. lange nachdem martin & ich keinen kontakt mehr hatten, standen unsere väter noch in kontakt, besuchten sich, tauschten briefmarken. martin & ich korrespondierten von 1955 bis 1961. alle seine briefe haben sich bei mir erhalten, meine an ihn hat er verloren.

es muss um 1961 gewesen sein, als sofi, meine damalige geliebte & ich martin in paris, wo er inzwischen mit seiner frau hélène wohnte, besuchten. wir verbrachten einen halben tag zusammen & sofi & ich fuhren schockiert über die spiessige lebensart der beiden wieder von dannen. danach gab es keinerlei kontakt mehr zwischen uns.

2014 fuhr sofi mit unserer enkelin fauzeya nach paris, weil fauzeya in der schule französisch hatte & sofi sie dabei etwas unterstützen wollte. in paris wollte sofi martin anrufen, hat es dann aber doch nicht getan. etwa eine woche nach ihrer rückkehr, erhielt ich eine email von martin (nach über 50 jahren!), er habe mich im netz entdeckt & hallo & soso & treffen müsste man sich mal wieder...

es ging wohl nicht anders: wir entschlossen uns, dass wir uns treffen. ende  november fuhren wir mit dem zug nach paris. martin holte uns am gare de l'est  ab. ich hatte vergessen, wie klein er war. er reichte mir grade bis zur schulter, dabei war er genauso alt wie ich: 75. sein etwas watschelnder gang & seine kleinen schritte in schuhgrösse 37 waren dieselben wie als 14jähriger. auffallend auch seine sprache. wir waren ja während unserer pubertät in kontakt, & ich erinnere mich noch sehr genau, dass in dieser zeit des stimmbruchs seine stimme von tief, immer wieder auf die kinderstimmbänder überschwappte, unvermittelt & vor allem wenn er aufgeregt war. dieses phänomen hat er auch als 75jähriger beibehalten. ob dies auch auf einen sonstigen pubertären zustand schliessen liess?

kurz: wir betraten sein super-appartement auf einer insel in der seine & der schock schlug sofort wieder zu! in der verspiegelten garderobe schuhe ausziehen. überall penibel geputzte glastische auf verspielten perserteppichen (die wir gar nicht mögen). ein paar fingerabdrücke auf dem toaster vermerkt martin kritisch hélène gegenüber. eine numerierte corbusierliege vor dem grossbildschirm (auf dem wir uns stundenlang bilder aus sri lanka & indien ansehen mussten). auf die nummerierung der liege wurden wir speziell auf der unteren seite des gestänges hingewiesen. wir mussten mit unseren fingern die eingestanzte nummer fühlen. chinesisches mobiliar. die wände voll mit bildern von picasso, dubuffet, dali... aber alle von martin persönlich kopiert! an einer wand eine peitsche & ein schwert. auch schwerter über dem türsturz. ein hoher topf mit spazierstöcken. mehrere mit bajonettartigen versteckten stahlspitzen. wallende & geraffte vorhänge wie im versailler schloss. 

deckenlüster aus murano. stühle im salle à manger von knoll. bücherregale bis an die decke, gefüllt mit 40 bänden zola, 25 bänden von dem, 15 bände von jenem, vergoldete rücken, nur beim einstellen ins regal einmal berührt. ich frage: wo steht die pornografie? & er deutet etwas verschämt nach ganz oben links. ich nehme die edelstahlleiter zum erreichen der bücher in den oberen regalen & stelle sie in richtung pornografie, steige hinauf & lese ein paar titel laut von den buchrücken ab. kurz danach stand die leiter wieder an ihrer ursprünglichen stelle! im badezimmer wird uns das komplizierte funktionieren der dusche erklärt: dies & das darf man auf keinen fall berühren, geschweige denn verstellen. goldener kamm, goldener handspiegel... (aber alles vergoldetes plastik). die halb aufgerollte zahnpastatube mir einer silbernen spezialklemme über dem aufgerollten teil. blumen überall. einzelne blüten, ganze bouquets, alle aus plastik im trockenen stehend. schon telefonisch hatte mir martin damit gedroht, dass das mittagessen nach unserer ankunft in der küche stattfände, das diner aber im salle à manger. das verhiess nichts gutes! aber die realisierung dieser ankündigung war das non-plus-ultra: auf dem damasttischtuch silbernes besteck, gläser wie orgelpfeifen, ausgedruckte tischkärtchen (für uns vier!) steckten in massiven silbernen quaderchen. eine ausgedruckte speisekarte verzeichnete penibel alle gänge. nur die messerbänkchen fehlten! ausgesuchte, von ihm nummerierte weine aus dem temperierten weinschrank. zum hauptgang ein 25 jahre alter bordeaux etc. etc . die speisekarte habe ich an mich genommen. sie liegt jetzt bei seinen briefen von 1955! - martin & hélène kamen ununterbrochen, wo wir auch sassen & führten ihren äusseren reichtum vor: eine schwere schale aus china, ein figürchen aus usbekistan, auf das schöne licht einer dali-kopie wies er mich in zwei tagen mindestens dreimal hin. die louvre-replik eins ägyptischen kopfes auf dem schrank, in dem sein deutsches bundesverdienstkreuz am bande exponiert lag, von speziellem spot angestrahlt. ein foto von de gaulle an büchern lehnend. eine vietnamesische teekanne aus koralle (wie sie sagten) war sicher aus einem anderen material. vier opulente fotoalben mussten wir überstehen, ausschliesslich gruppenfotos aus seinem berufsleben & von verleihungen. vitrinen voll mit gut abgestaubten memorabilia. wertvolles neben billigstem flughafenramsch. dazwischen auch ein gerahmtes foto von sofi & mir. in der fotogalerie seines computers bilder von meinen auftritten, die er aus dem netz herunterlud. hunderte fotos von sarkozys carla bruni, von der abendgarderobe bis zum nacktfoto. auch von angela merkel ein nacktfoto aus ihrer fdj-zeit!

eine sterilität sondergleichen, in der sich der gast wie im gefängnis fühlt, vergewaltigt von einer ausschliesslich oberflächlich materiell orientierten gesellschaft & ihren ritualen. die sterilität seltsamerweise unterbrochen durch hingebungsvolles teller ablecken im restaurant! es gab nie fragen von ihrer seite, was wir so machen, wie wir leben. nur eine frage von hélène an mich: wie oft musst du deinen bart schneiden?! - ich habe alles nur überstehen können, indem ich die situation schliesslich mit den augen eines verhaltensforschers oder anthropologen sah & aus rücksichtnahme auf sofi & ihre ebenfalls zweitägige leidenszeit. was war das für ein gegenentwurf ... zu unserem leben & zu dem, was uns beschäftigt!

als wir wieder zu hause ankamen, stieg sofi in die badewanne & murmelte vor sich hin: "martin abwaschen!"

mahmoud susu

Freitag, 19. Dezember 2014

Parole: Pagode

Happy Birthday A.B.B.

Der Daten-Messie erhielt heute folgende Zuschrift:

"Ich denke, man muss sich auf die weissen, nicht jüdischen und nicht islamischen Hetero-Europäer konzentrieren. Das ist die Zukunft. Neue kampfbereite Gruppierungen erscheinen bereits am Horizont – Gott sei Dank.

PAGODE
Peinlichen Anti-Europäern gebieten offensive Deutsche Einhalt


VEFADA / HEFADO / ZEVEDA / DEBUDU / LEBUDE / GEBADU / REVIDE / NEFADA / REBADI / FEBEDA 


Verängstigte Europäer für Aufstockung des Armeeetats

Hypochondrische Europäer fordern Ausrottung der Osteoporose

Zerstrittene Europäer verlangen Einsicht der Andersdenkenden

Dankbare Europäer bezahlen Unsummen den Umweltsündern

Liebenswerte Europäer belügen Unterhändler der Entwicklungsländer

Geile Europäer beschuldigen anhaltend die Unschuldigen

Reizende Europäer verbergen immer das Eigeninteresse

Nachhaltige Europäer für Erhalt der Atomindustrie

Reiche Europäer beklagen angsterfüllt die Inflation

Fortschrittliche Europäer befürworten Erhalt der Alpen." 

Montag, 15. Dezember 2014

P.rekäre E.uropäer g.efrieren i.n d.er A.rktis


Päderatische Egerländer gehen in den Airbus

Patienten europäischer Gemeinschaften initiieren das Alfabet

Pastor Engel gammelt in der Auslage

Peters Enkel geht in die Armee

Politiker essen gern in der Arbeitsamt-Kantine

Parasitäre Europäer gehören in die Anstalt

Persische Evangelisten gähnen in Dresdener Altstadt-Kneipen

Popanze einer großen Ideologie der Armut

Proletrarische Egomanen glauben in der Ambulanz

Prekäre Europäer gefrieren in der Arktis


Freitag, 28. November 2014

Wellensteyn mit IMEI 357998058549811?

Hat das jemand gesehen?

Freitagabend, 21. November,  ca. 20 Uhr 20, U1 - U-Bahnhof Prinzenstraße. Ein erschöpfter und zufriedener Verleger kommt von der sogenannten Artbook Berlin (598 Aussteller und 3 Sammler) und liest auf seinem Device mit der IMEI-Nr. 357998058549811 Neuigkeitem auf Sport1, dieser Applikation, die seit ihrer Aktualisierung immer Werbebalken über den zu lesenden Text einblendet. Armin Veh, das Dickerchen aus Stuttgart, der sich zuweilen wie ein 18-jähriger kleidet, ist zurückgetreten. Dann kommt die Werbebotschaft "Willst du Mitglied bei Facebook werden?" Klicke hier, klicke da. Nein, ich will kein Mitglied bei Facebook werden. Mein iPhone 5s, 16 GB, weiss und silbern und ich, nehmen nichts wahr. Plötzlich wird es mir aus der Hand gerissen. Ich hinterher. Die Tür schliesst sich. Räuber und iPhone sind weg. Das war ziemlich clever gemacht. Dank gewöhnlichem iPhone-Autismus habe ich den Mann gar nicht wahrgenommen. Der hat bis zum Signal der schliessenden Türen gewartet, mir das Teil aus der Hand gerissen und ist dann um sein Leben gerannt. Zwei junge Männer haben es beobachtet, nehmen sich meiner an. Wir steigen an der nächsten U-Bahnstation aus. Täterbeschreibung: dunkle Mütze, Mitte bis Ende 20, eine Jacke mit einem schweizer Emblem. Meinen die Wellensteyn? Tragen iPhone Räuber Wellensteyn-Jacken? 

Ich rufe die Polizei mit dem Telefon eines der jungen Männer. Die sagen mir, ich solle zur Wache in der Friedrichsstraße fahren. Das ist mir nun zu anstrengend und ich fahre weiter in Richtung Möckernbrücke, rufe meine Frau an und beauftrage sie, die SIM-Karte löschen zu lassen. Nach einigem Hin und Her mit den Telekomikern gelingt es ihr. Möckernbrücke, U7, Kleistpark. Vor einem griechischen Restaurant auf der Hauptstraße frage ich einen Mann, ob hier in der Nähe eine Polizeiwache sei. Er ist überaus hilfsbereit, leiht mir sein Galaxy S3, 4 oder 5, nimmt sich meiner an. Ich staune, dass so viele gute, hilfsbereite Menschen in Berlin unterwegs sind. Die tragen aber keine Jacken mit schweizer Emblem. 

Die Polizei am Telefon will alles wissen. Wie ich heisse und wie die Hausnummer ist, vor der ich stehe, wie das Restaurant heisst, wann, wo und um welche Zeit die Tat geschehen ist. Die Beamten holen mich 10 Minuten später ab und dann gehts ab zur Wache am Ende der Hauptstraße. Hier wird ein Protokoll in einem renovierungsbedürftigen Raum mit zwei alten Windows-Rechnern aufgenommen. Nicht mal W-LAN haben die hier. Arme Polizei. Kein Geld, keine Beamten. Die Kohle steckt im Flughafen "Willy Brandt". Jeder organisierter Smartphone-Hehlerring ist der Polizei haushoch überlegen. Die können nur reagieren, protokollieren, deligieren. Zunächst wurde ich gefragt, ob ich Widerstand geleistet hätte. Nicht ich, aber kurz meine Hand, als mir das iPhone aus der Hand gerissen wurde. Das geschah vielleicht in 0,25 Sekunden. Also ist das kein Diebstahl sonden Raub. Dafür ist das Raub-Dezernat zuständig. Die haben zumindest Zugriff auf die U-Bahn-Kameras. In welchem Waggon ich gesessen habe? Keine Ahnung. Das Raub-Dezernat möchte aber erst ein Protokoll. Ich bekomme ein Aktenzeichen und soll die IMEI-Nummer nachreichen. Und das iPhone orten? Machen die nur bei schwerer Körperverletzung oder Mord. 

Ansonsten müssten sie in mehreren Wohnungen klingeln. "Entschuldigen Sie, haben sie ein iPhone 5s mit der IMEI-Nummer 357998058549811 gesehen?" Unmöglich. Den Rest gehe ich zu Fuß nach hause, bin gleich am Rechner, rufe mich selber an ("Zur Zeit nicht erreichbar") und schaue gleich via "Mein iPhone suchen" nach dem Gerät. Es ist offline. Das Löschen der Daten beantragt. Die Chancen, das Gerät wiederzubekommen, sind gering. Allerdings weiß ich nicht, was der zukünftige Besitzer mit einem Fingerprint- und Code-gesicherten und der ihm unbekannten Apple-ID anfangen soll. Wiederherstellen des Geräts geht wohl nicht so einfach. Vielleicht sollte der "Kill Switch" von Apple in den nächsten iOS-Upgrades noch etwas weiter gehen. Nicht nur fernlöschen sondern vielleicht auch explodieren lassen. Aus der Perspektive eines Täters ist es ziemlich leicht, den Leuten ihre Smartphones aus der Hand zu reissen. Sobald sie auf das Display schauen, nehmen sie ihre Umgebung nicht mehr wahr, verfallen im Anti-Kommunikationsmodus mit der sozialen Ralität.

Einige Tage später, Regionalzug von Magdeburg nach Frankfurt/Oder. Vor mir sitzt ein junger Mann, der dem Klischee eines Smartphone-Diebes entsprechen könnte. Am Bahnhof Friedrichsstraße steigt er aus und lässt sein Sony Xperia auf dem Sitz liegen. Es ist mit einem Muster gesichert. Er braucht nicht lange, um den Velust zu realisieren und ruft an: "Hallo, hallo, wer ist da..." Das Gepräch bricht ab. Dann ruft er noch einmal an. Ich sage ihm, dass ich unterwegs nach Bad Saarow bin und das Gerät der Schaffnerin geben werde. Er sagt mir seinen Namen, die Adresse und die Telefonnumer seiner Mutter. Ich gebe der Zugbegleiterin das Smartphone und schreibe seiner Mutter eine Kurznachricht. Das Gerät kann er am sogenannten Service Point der Deutschen Bahn am Ostbahnhof abholen. 





Mittwoch, 19. November 2014

Spandau in der Hutmacherleiche (Teil 3)


Der Experimentalvortrag fand bald darauf vor geladenem Fachpublikum statt. Nach längerer Deliberation war man sich darüber einig, daß hier durch Mikroskopie die mikrokosmische Bedeutsamkeit des Leibes evident geworden sei. Durch Pinter angeregt, gelang es dem Astronomen Kummdopf, die Proportionen der Sternwelt für das Auge so zusammenzuziehen, daß unverkennbar leibliche daraus wurden. Der Sehende wurde künstlich mit einem Auge begabt, welches entweder, wie im Fall der Vergrößerung, einem winzigsten Lebewesen angehörte, für das der Leib bereits astronomisch ausgedehnt erschien, oder einem hypergigantisch riesigen, für das die himmlischen Welten insgesamt zur Größe des menschlichen Leibes einschrumpften. An Stelle der vagen und als phantastisch geltenden philosophischen Spekulation trat die optische Tatsächlichkeit. Es konnte aber nicht ausbleiben, daß sich die Philosophie des uralten Themas in dieser neuen Art bemächtigte, und Euweuken mit einem Hab-ich-es-nicht-immer-schon-gesagt-Antlitz diese ungeheure Umwälzung in weihevoll idealistischer Weise ausschlachtete: So sei ihm immer schon zumute gewesen. Alles sei doch zuerst und zuletzt menschlich, und der menschliche Leib das Original aller Gestalten. Es gäbe eigentlich weder Mineralien noch Tiere noch Pflanzen. Wenn man das Auge nur gehörig bewaffnete, sei alles als menschlich ersehbar. Allein demgegenüber hob Geheimrat Pschakreff hervor, daß Euweuken gar nicht das richtige Fazit ziehe; wie dies begeisterten Idealisten oft passiere, daß sie das Herz statt des Hirns zwischen den Schultern trügen und blutwarme Schöße der Empfindung statt kaltblütig nüchterner Köpfe kultivierten. Das echte Resultat aus dem erstaunlichen Faktum sei der Relativismus in der Morphologie. Je nach dem Gesichtspunkt, je nach der Disposition des Sehenden könne die scheinbar einen und selbe Gestalt alle nur irgendmöglichen Formen annehmen, z.B. Euweukens Haupt diejenige eines verunglückten Kartoffelpuffers. Der sonst so markante Unterschied zwischen einem Nachttopf und dem berühmten Darwinisten Pfutsch sei unter gewissen Umständen hinfällig. Gleich darauf wurden mehrere sonst gebildete Leute in die Irrenhäuser abgeliefert, weil sie sich als aus lauter Tieren zusammengesetzt fühlten. Damit aber nicht genug: es liefen von einer Anzahl Anatomien und Sternwarten an Pschakreff die entschiedensten Absagen ein. Außer jenem von Pinter hinzugezogenen Astronomen konnte kein Mann der Wissenschaft die Ergebnisse Pschakreffs bestätigen; sämtliche Experimente mißglückten. Das war nicht angenehm zu hören. Selbst Niklas verzog sein Maul und war mürrisch. Seine Tochter söhnte sich mit ihrem Reporter wieder aus, und es setzte sogleich eine sehr kritische Haltung der Presse ein; Pschakreff wurde bereits leise diskreditiert. Ibloch und Pinter wiederholten die Versuche und bedienten sich dazu eines gesteigerten allererstklassigen Ultramikroskops. Das Resultat war frappant. Man sah in den Leichenteilen einer verunglückten Scheuerfrau, speziell in ihrem Blinddarm, die eigene Stadt mit den geringsten Einzelheiten, und Pinter war wie berauscht, als er mit einem Male sogar die Anatomie selber wieder erkannte. Der Enthusiasmus stieg aber aufs höchste: denn mitten in diesem Miniaturmodell der Akademie wurden bei fortgesetzter Vergrößerung die drei Herren erkannt, Niklas nicht zu vergessen, und zwar eben mit derselben Mikroskopie beschäftigt. Ibloch wurde erdfahl und flüsterte wieder und wieder, es ginge nicht mit rechten Dingen zu, und sie würden sich bis auf die verfluchten Leichenknochen blamieren. Pinter dagegen weissagte den vollkommenen Triumph über alle Skeptiker und Verleumder; er überredete den Geheimrat zur Einberufung einer zweiten Versammlung, und diesmal sollte sie nicht auf die Männer vom Fach eingeschränkt sein, sondern alle Gebildeten umfassen. Ibloch fügte sich notgedrungen darein; was sollte auch sonst geschehen? Man konnte das Problem nicht mehr liegenlassen und mußte, allen Anfeindungen zum Trotz, mutig die Macht der noch so absurd scheinenden Tatsachen für sich selber sprechen lassen. Das geschah denn auch sehr gründlich.
Die Demonstration war prachtvoll. Unter den Geladenen befand sich die gesamte geistige Elite, die Spitzen der Behörden, sogar ein prinzliches Ehepaar. Die akkuratesten Filmaufnahmen ermöglichten eine kinematographische Demonstration, welche sehr zweckmäßig mit den plausibelsten Dingen begann, sich nach und nach zum Ungewöhnlichen steigerte und mit jener Wiederholung der allernächsten Wirklichkeit der Umgebung, zuletzt mit den in der Scheuerfrau entdeckten Kopien der drei Entdecker selbst enden sollte. Auf jede Lösung des Problems, jede Interpretation war diesmal verzichtet und nach der Vorführung sollte der gesamte Apparat streng untersucht werden, um die Möglichkeit wenigstens eines Selbstbetruges auszuschließen, den Dr. Ibloch fast schon für vorliegend hielt und dieses lieber betonte, um die etwanige nachträglich Blamage abzuschwächen; eine Diplomatie, welche den Abscheu Pinters und auch den Unwillen Pschakreffs erregte. Das Publikum war animiert und ließ sich fortreißen. Die Prinzessin gab Zeichen des Beifalls, und schon begannen auch die krassesten Gegner angesichts der Evidenz der Phänomene zu wanken – da geschah etwas völlig Unerwartetes: das Filmband lief, als das letzte Bild auf dem Schirm erschienen war und spontane Begeisterung ausgelöst hatte, automatisch zum Befremden der drei Experimentatoren noch weiter und zeigte diese selber in eigentümlichen Situationen. Zu sehen war jetzt der Zuschauerraum selber samt demselben geladenen Publikum; davor die Bühne, auf der jetzt ein völlig unbekannter lächelnder Herr erschien. Er machte sich an einigen Leichnamen zu schaffen, die man darauf, nachdem er sich entfernt hatte, unter die Obhut des Niklas geraten sah. Sodann schlich der Herr vorsichtig in den kleinen Seziersaal und behandelte dort liebreich, denn er lächelte fortwährend so liebenswürdig, die optischen Instrumente, welche später in seiner Abwesenheit von unseren drei Herren mit dem bekannten Erfolge benutzt wurden. Kurzum, der Film lieferte selbsttätig zu allgemeiner Überraschung und Erheiterung das sichtbare Referat der Geschehnisse, und seine stumme Kritik war überwältigend. Vergebens aber hofften Pschakreff und die Seinigen, als bis aufs letzte alles repetiert worden war, auf den Schluß dieser Quälerei: sondern die nahe Zukunft erschien auf der Fläche. Der alte Niklas rang die Hände – Ibloch hatte sich vergiftet, und Pinter war irrsinnig geworden. Pschakreff wurde aufgebahrt, und man sah in der Folge sein Leichenbegängnis mit allen Einzelheiten. Man sah den Sarg versenkt werden, den Hügel sich wölben, einen Leichenstein aufragen. Dieses Denkmal wurde größer und größer. Auf ihm erschien jetzt das bei Reklamefilmen so beliebte neckische Spiel sich haschender und suchender Buchstaben und bildete eine flimmernde Inschrift:
„Himmel und Erde euch Esel bohren,
Ihr seid unwiederbringlich verloren!“

Es ist nicht mehr nötig, hinzuzusetzen, daß die Prophezeiung eintraf. Man weiß ja, wie z.B. das abergläubische Wort: „Zwischen Lipp’ und Kelchesrand schwebt der finstren Mächte Hand“ unzählige mörderliche Resultate gezeitigt hat. Im höchsten Grade wirkt es suggestiv, die eigene Leiche im Film zu sehen; gewissenhafte Leute fühlen dann eine gewisse Verpflichtung, bare Wirklichkeit daraus zu machen. Die Wissenschaft aber stand vor der Ära des ihr ganz neuen Problems ihrer mysteriösen Verspottung. Der Fall Pschakreff-Ibloch-Pinter wurde zum Präzedenzfall einer schauerlichen Reihe, in deren Verlauf kein Forscher mehr sich selber zu trauen wagte. Das ging so weit, daß selbst jahrelang sich bewährende Erfindungen und Entdeckungen von den Argwöhnischsten als blanker Mumpitz verschrien wurden, und es endete damit, daß die Vergangenheit revidiert wurde, und nacheinander förmliche Widerlegungen sämtlicher kulturellen Errungenschaften zu gelingen schienen. Kaplan Franz Kubus (die böse Zunge sagte zwar Inkubus) wies überzeugend nach, daß alle bisherige Wissenschaft vom Teufel besessen sei. Das Universitätsstädtchen, worin der selige Pschakreff gewirkt hatte, bekam den Spitznamen Film-Athen (es lag auch in der Nähe Ilm-Athens). R. Euweukens immer guter Schlaf war dermaßen gestört worden, daß er sich in aller Heimlichkeit ein Schaukelbett, eine Erwachsenenwiege herstellen und sich darin von seiner Gattin in Schlummer wiegen ließ. Beiläufig nannte man diese Dame hinter ihrem einst schönen Rücken Ninon de Belanglos; sie war die einzige radelnde Greisin der Stadt. Euweuken wurde uralt, ein leidenschaftlicher Greis; indessen weiß man vielleicht, aus eigener Erfahrung, wie leicht 130jährige Knaben ihre Leidenschaften beherrschen. Seine Schülerschar war so von ihm durchtränkt, daß sie seinen Geist bereits urinierte ... Genug mit diesem kargen Einblick durch ein schmales Guckloch in das wissenschaftliche Dasein der winzigen Gernegroßstadt ...

Solomo Friedlaender

Dienstag, 11. November 2014

Spandau in der Hutmacherleiche (Teil 2)


„Beruhigen Sie sich, Niklas! Was Sie sehen, ist der Querschnitt durch den Knochen einer Hutmacherleiche. Meine Herren, ich möchte sagen, es ist eine Urteilstäuschung; aber Sie sehen ja, daß selbst der gemeine Laienverstand unseres Niklas hier genau so urteilt. wie wir. Vielleicht – mir graut es schon ahnungsvoll – stehen wir vor einer der schauderhaftesten Entdeckungen. Sollten die philosophischen Schwätzer mit ihrem Mikrokosmos doch recht haben? Oder sind ausgerechnet Hutmacherknochen so merkwürdig konfiguriert? Wie denken Sie, Kollegen?“
Die Kollegen zögerten lange, dann sagte Pinter:
„Was mich betrifft, so halte ich eine besondere Struktur der Hutmacherknochen nicht für vorliegend. Ich möchte eher glauben, daß an dem philosophischen Gequassel vielleicht doch irgend etwas wahr ist.“
Ibloch schien mißtrauisch:
„Es ist mir, als ob uns jemand da einen Streich spielte. Wir müssen das Mikroskop auf die Möglichkeit eines Betruges genau untersuchen, bevor wir uns dieser Unglaublichkeit als einer Tatsache gefangen geben.“
Das geschah denn auch sogleich. Niklas beseitigte die Verfinsterung, und die Herren unterzogen das Instrument einer sorgfältigen Prüfung, ohne daß Iblochs Mißtrauen im geringsten gerechtfertigt worden wäre. Man fuhr noch einige Stunden lang in diesen Versuchen fort. Dem Hutmacher wurden die verschiedensten Querschnitte entnommen, die man sofort photographierte und dem Projektionsapparat anvertraute, und immer von neuem erschien das immer zweifellosere Resultat, daß man bei äußerster Vergrößerung menschlicher Leichenteile in ihnen die Trümmer der gewaltigsten menschlichen Kultur in Form von Städten und Ländern mit allen Schikanen erstorbener, ja zum Teil noch lebender Zivilisation entdeckte. Einer Täuschung durfte man sich gar nicht mehr hingeben, die Sache war evident, und nur mit ihrer Erklärung haperte es gewaltig. Selbst Niklas behauptete, es sei zum Verrücktwerden.
„Was soll man davon halten?“ fragte Pschakreff ratlos und fast ängstlich seine Assistenten. Man zog sich ins Kabinett des Professors zurück und debattierte stundenlang.
„Es bleibt nichts übrig,“ meinte Pinter, „als das Problem an die große Glocke zu hängen.“
„Ganz Ihrer Ansicht, Kollege,“ stimmte der Professor zu, „aber immerhin sollten auch wir nicht so gänzlich resignieren.“
Ibloch blieb sehr vorsichtig und argwöhnisch: „Ich fürchte irgendeine Blamage und bin dafür, die Sache zunächst noch geheim zu halten und über alle Zweifel sicherzustellen; möglicherweise ist irgendein verzwickter Anthropomorphismus, eine Illusion im Spiel, die vielleicht nicht einmal jeden bezwingt; unsere wissenschaftliche Reputation steht auf dem Spiel.“
Pinter dagegen war Feuer und Flamme für die Veröffentlichung des Rätsels auch ohne jede Lösung. Pschakreff bemühte sich um weise Vermittlung zwischen diesen extremen Forderungen: so ganz und gar mochte er noch nicht auf Enträtselung verzichten. Läge eine Illusion vor, so halte er sie nicht nur für idiosynkratisch. Er war für eine Publikation in sehr vorsichtig zurückhaltender Form und unter Ausschaltung jeder philosophischen Spekulation.
„Vor allem,“ riet Ibloch, „nur keine Alarmierung der großen Presse! Am besten, Sie berufen eine Konferenz ein, Herr Professor. Wir demonstrieren den Kollegen das klare Faktum; damit vergeben wir uns nichts.“
„Schön,“ sagte Pschakreff, „ich möchte nur gern irgendeine Aufklärung bekommen. Mikroskopiert, also vergrößert man den menschlichen Leib, so scheint er allerdings mikrokosmisch. Wir haben die Vergrößerung so weit getrieben, daß wir damit bis in menschliche Kleinigkeiten hinabkamen; besonders ergötzlich (möchte ich sagen) waren die kleinen Bahnhöfe, auf deren Schienensträngen mitunter noch Waggons rollten. Zweckmäßig wäre es, die Vergrößerung nicht gleich ins Ultramikroskopische zu steigern. Die Methode einer sanfteren Allmählichkeit müßte uns doch den Leib zunächst einmal astronomisch in Gestalt von Milchstraßen- und Sonnensystemen zeigen.“
„Und umgekehrt,“ schrie Pinter zurück, „könnte man die Milchstraßensysteme zum menschlichen Leib einschrumpfen lassen; es liegt in der Konsequenz. Mir schwindelt, wenn ich das durchdenke! Das Ultramikroskopierte, nochmals ultramikroskopiert, ergäbe ein ähnliches Resultat – und so in infinitum ...!“
„Einfach labyrinthische Katoptrik des Gehirns, nichts Reales“, warf Ibloch hochmütig hin.
„Mein Lieber,“ bemerkte Pinter sehr geringschätzig, „Sie fabeln von einer Realität an sich – püh! Faxe. Ich verstehe diese verschmitzte Art ganz gut. Leute Ihres Schlages möchten uns einreden, zwischen die Realität an sich und uns schiebe sich ein hübsches Linsensystem aus bunten Brillen, Spiegeln und sonstigen entstellenden Medien ein und zeige uns zwar die Realität, aber natürlich nach unserer Auffassung alteriert. Mächtiger Humbug! Bereits in Tertia fiel ich darauf nicht mehr hinein ... Einen Moment! Pardon, Herr Geheimrat,« wandte er sich an Pschakreff, der eingreifen wollte, bevor der Streit heftigere Formen annahm ... »ich bin gleich fertig. Sie sollten einsehen, Doktor Ibloch, daß die objektive Realität wesentlich nur phänomenal ist; und abstrahieren Sie von aller Phänomenalität und jenem Brillensystem, so stoßen Sie auf keine objektive Realität mehr, sondern eben auf das schöpferische Subjekt. ,Subjektiv’ als Schimpfwort ist auch ein schöner Unfug. Man meint nämlich, wenn man so schimpft, gar nicht das Subjekt, sondern gerade den Mangel an reinster Subjektivität, die tendenziös parteiliche Beeinträchtigung der Reinheit des Subjekts.“

„Meine Herren,“ kam endlich wieder Pschakreff zu Wort, „ich dächte, nun sei es übergenug mit diesen erkenntnistheoretischen Spitzfindigkeiten, und wir berieten uns weiter über die Möglichkeit einer Konferenz und zunächst fachwissenschaftlichen Publikation und Demonstration. Doktor Pinter, setzen Sie gütigst die Liste der Einzuladenden zusammen. Kollege Ibloch und ich entwerfen dann den Plan der Vorführung. Ich werde den einleitenden Vortrag halten, und Doktor Ibloch wird die Demonstrationen mit seinen Erläuterungen begleiten, zumal ihm der Ruhm der ersten Entdeckung gebührt.“ Ibloch wehrte schämig und nicht nur schämig, sondern ein wenig unwillig ab; er teilte weder den Enthusiasmus Pinters noch den reservierten Optimismus Pschakreffs. Ihm schwante Unheil. Keiner der drei Herren hatte übrigens mit der Geschwätzigkeit des guten Niklas gerechnet, der bereits am Kaffeetisch seiner Frau und seiner Tochter vorschwärmte, Ibloch hätte unterm Mikroskop in einer Leiche die Stadt Spandau so deutlich entdeckt, daß er, Niklas, mit seinen sehenden Augen das Haus des Schwagers Pimpring habe unterscheiden können. Zum Unglück war die Tochter mit dem Reporter der B. B. Z. „verhältnismäßig“ befreundet (um uns gelinde auszudrücken). Und so entstand wirklich das Unheil dadurch, daß bereits am Abend ein fettgedruckter Hinweis auf „Spandau in der Hutmacherleiche“ erschien, der allgemeine Heiterkeit erregte. Leider war der April längst vorbei; es herbstelte bereits, und man hielt das Ding für eine verspätete Ente. Bis dann ein Artikel des konsternierten Pschakreffs den Tatbestand gar nicht leugnete, sondern nur dessen Publikation als verfrüht beanstandete, bevor die Fachkollegen ihre Ansichten ausgetauscht hätten. Das geschah denn auch sogleich, nachdem Niklas eine ernstliche Verwarnung erhalten hatte, die er rasch an seine Frau weitergab, welche ihrerseits sie der Tochter handgreiflich beibrachte, so daß diesem liebenswürdigen Mädchen nichts übrigblieb, als dem Reporter den Standpunkt klarzumachen, der sich seinerseits von jeder Verbindung mit einer so fragwürdigen Jungfrau lossagte.

Salomo Friedlaender

Freitag, 7. November 2014

Spandau in der Hutmacherleiche (Teil 1)


In der Leichenkammer lag ein junger Hutmachergeselle, der im Gefängnis gestorben war, und harrte, nach Art von Leichen blasiert, auf die sezierende Hand des berühmten Geheimrats Anatomieprofessors Pschakreff. Der joviale Greis saß beim Frühstück, nahm einen Schluck Wein in seinen intelligenten Mund und schellte dem Diener. Das alte Faktotum erschien in der Türspalte.
„Bringen Sie mir mal den Hutmacher in den kleinen Seziersaal, richten Sie uns das Mikroskop und rufen Sie mir die Assistenten!“ Pschakreff rauchte noch gemächlich eine Havanna, erhob sich dann ruckweise und ging den langen, hellen Korridor hinunter, auf dem ihm seine Assistenten bereits entgegenkamen.
„Wir besorgen’s dem Hutmacher gleich, denke ich, meine Herren. Sie, Doktor Ibloch, mikroskopieren, was ich Ihnen hinreiche; und Sie, Herr Pinter, helfen mir bei der Sektion. – Eine Knochensäge, Niklas!“ rief er dem Diener zu.
Die drei Herren beschäftigten sich emsig; Niklas brachte die Säge. Pschakreff weidete den Hutmacher kunstgerecht aus, schmiß, was er nicht brauchen konnte, in einen Eimer und reichte von Zeit zu Zeit dem Dr. Pinter einen fetten Bissen, der ihn an Ibloch weitergab. Zugleich notierte man den Befund, und Pschakreff belehrte seine Assistenten über einiges Merkwürdige.
„Ein saubrer Bursch,“ sagte er anerkennend, „er schneidet sich göttlich! Zartes Fleisch, famose Därme. Niklas, Sie können hier mal sägen; geben Sie Herrn Pinter eine Knochenscheibe zum Dünnschliff!“
Rührender als ein Wiegenlied klingt für den Kenner das Zersägen eines Leichenknochens. Pinter am Mikroskop stieß Laute der Verwunderung aus.
„Was haben Sie?“ fragte der Professor.
„Ich glaube immerfort die sonderbarsten Sachen zu sehen, wenn ich die maximale Vergrößerung anwende,“ sagte Ibloch, „es kommt mir vor, wie wenn ich in eine Menschenwelt hineinsehe.“
„Ich verstehe Sie nicht recht. In eine Menschenwelt? Na gewiß doch! Auch Hutmacher sind meistens noch Menschen. Hutmacher gehören obendrein noch der Menschenwelt an – was? Haben Sie den Dünnschliff? Ja? Na da schielen Sie weiter in Ihre Menschenwelt hinein!“
Ibloch präparierte die Knochenschnitte und besichtigte sie durchs Mikroskop:
„Mein Gott,“ schrie er ganz erschrocken, „es ist eine zerstörte Welt mit Resten von Leben.“
„Ja, zum Teufel noch mal, Ibloch, was ist denn los?“ erregte sich Pschakreff und sprang zum Mikroskop. Aber kaum hatte er einen Blick hineingetan, als er sich aufrichtete und versonnen vor sich hinsah:
„Niklas,“ befahl er nach minutenlanger Pause, „verfinstern Sie den Saal und rücken Sie uns das Sonnenmikroskop heran. Aber zuerst, Herr Pinter, schaun Sie auch einmal da hinein und sagen Sie uns, was Sie sehen.“
Pinter tat, als er durch das Objektiv geblickt hatte, ebenfalls einen erstaunten Aufschrei:
„Es sieht ja aus wie die Ruinen einer modernen Großstadt?“
„Sie bestätigen also meinen Befund! Wir leiden doch nicht alle drei an Augentäuschung? Auch Sie, Herr Professor, scheinen dieselbe Beobachtung gemacht zu haben“, sagte Ibloch.
„Gedulden Sie sich, meine Herren, bis wir die Sache so vergrößert wie möglich auf dem Schirm sehen“, beschwichtigte der Professor, worauf dann Niklas sofort die nötigen Anstalten mit gewohnter Umsicht traf. Zunächst wurden mehrere photographische Aufnahmen der mikroskopierten Objekte gemacht, und zwar nach dem allerneuesten Verfahren, welches gestattet, das Mikroskopierte nochmals und abermals zu mikroskopieren. Man könnte nach diesem Verfahren sogar Flöhe auf der Sonne wahrnehmen, wenn es dort welche gäbe; es gibt aber nur Erdflöhe. Nach allen Regeln der Schnellphotographie war in kurzer Zeit eine Aufnahme fertiggestellt; der Saal wurde verfinstert; die Flamme des Sonnenmikroskopes zischte auf, und der Schirm ihr gegenüber zeigte unverkennbar das Bild einer wie vom schlimmsten Kriege heimgesuchten und ruinierten Stadt, in der sich noch halbermordetes Leben gräßlich bewegte. Die Ansichten der verwüsteten Straßen und Plätze wurden immer schärfer und deutlicher. Selbst Niklas hielt jetzt mit seiner Verwunderung nicht zurück:

„Herrjeh! Ist das nicht Spandau? Oder nein, Moabit? Das Haus von meinem Schwager Pimpring, dem Lederfritzen, glaube ich zu sehen; also Spandau!“

Salomo Friedlaender

aus: Mynona (Salomo Friedlaender): Die Bank der Spötter. Ein Unroman, München/Leipzig: Kurt Wolff 1919 [erschienen nach Ostern 1920]; Ndr.: Gesammelte Schriften, Bd. 4, Herrsching: waitawhile 2007

Dienstag, 4. November 2014

Club 57


"Als ich ihm zum Quinquagennium was abinterviewen wollte – was sagte da Paul (Scheerbart)?: „So! So: Lieber S. Friedlaender! Also: auch du hast dich reinlegen lassen? Ei! Ei! Woher weißt du denn, daß ich 50 Jahre alt werde? Das sieht ja so aus, als wenn du etwas von meiner Entstehung wüßtest! Na – von mir sicherlich nicht. Oder – hier wird die Sache humoristisch – möchtest du dich auf Kürschners Literatur-Kalender verlassen? Oder – vielleicht auf die Angaben staatlicher und kirchlicher Behörden? Ich sehe, wie du dich abwendest; die Röte steigt dir in die Stirn. Na – weine man nicht! Ich nehme dir nichts übel. Täglich kommen Leute, die was von Fünfzig fabeln. Aber ich höre nicht hin, 5 und 7 sind die heiligen Zahlen. Daß du nun noch was Biographisches möchtest, finde ich naiv. Wenn schon der Anfang ein Problem, so muß das Folgende doch auch Problem sein. Wer befaßt sich aber mit Problemen, an deren Auflösung nicht einmal der Freidenker glaubt? Wer? Ich frage: Wer?“ (GS 2, 375) 
i. d. S., Detlef, Beartheark Hotel Chorschmalzenanlage

Mittwoch, 29. Oktober 2014

Heliozentrische Egozentrale



department of volxvergnuegen präsentiert

Hartmut Geerken & Hartmut Andryczuk
Die Heliozentrische Egozentrale

Samstag 1.11.14 - 20 Uhr Glockenbachwerkstatt, Blumenstraße 7, München  | Eintritt 4 Euro

Hartmut Geerken & Hartmut Andryczuk lesen, sprechen, erzählen, diskutieren und spielen zu und über ihre Werke, die mit, neben, über dem Hybriden-Verlag (Berlin) - oder auch ohne ihn - entstanden sind. Dazu stellt Hubert Kretschmer Exponate aus seinem Künstlerbuch-Archiv aus.

Hartmut Geerken bezeichnet sich selbst als Autor, Komponist, Musiker, Filmemacher, darstellender Künstler, Schauspieler, Holzfäller, Shiitake- & Hummelzüchter, Mykologe, Archivar, Ausstellungsmacher und Herausgeber zahlreicher Autoren aus dem Umfeld des Literarischen Expressionismus und Dada.
Er veröffentlichte mehrere Bücher über Sun Ra und mit dessen Lyrik und Prosa und besitzt eines der größten Sun Ra-Archive, das 'Waitawhile Sun Ra Archive'. Seinen ersten Kontakt zu Sun Ra hatte Geerken als 18- oder 19-jähriger mittels eines Detektorempfängers neben seinem Bett: Eine Jazzsendung im Südwestfunk über den in Europa noch unbekannten Free-Jazz-Musiker. 1971 war er Leiter der Sprachabteilung des Goethe-Insituts Kairo und lud Sun Ra privat nach Ägypten ein - der spielte dann ein Konzert in seinem Wohnzimmer in Heliopolis!
Während seiner Arbeit für das Goetheinstitut in Kabul/Afghanistan organisierte er die jährlich stattfindenden 'Indo-Afghanisch-Europäischen Musikwochen' mit zahlreichen Konzerten, Seminaren, Ausstellungen und Filmen, ab 1977 bestritt er zusammen mit Wahab Madadi die erste regelmässig ausgestrahlte Jazz-Sendung von Radio Afghanistan.
Geerken gründete und leitete das 'Cairo Free Jazz Ensemble' und als Musiker spielte er mit der 'Cairo Jazz Band', 'Embryo' und 'Mondtrommler', 'The Cross', 'The Heliopolar Egg' , der 'Rock and Free Jazz Group Kabul', dem 'Trio Tchicai-Geerken-Moye' und mit dem 'Art Ensemble of Chicago', er unternahm ausgedehnte Tourneen vor allem durch Asien und Afrika. 
Neben zahlreichen weiteren Perfomances und Hörstücken war Geerken Schauspieler in fünf Filmen und zwei Theaterstücken von Herbert Achternbusch.
Der Schriftsteller und 'konkrete Poet' Geerken hat etliche eigene Texte, Bücher, Gedichtbände und Künstlerbücher veröffentlicht, unter anderem im Berliner Hybriden-Verlag. Über zwanzig Jahre lang nahm Geerken am 'Bielefelder Colloqium Neue Poesie' teil, einem internationalen Treffen von AutorInnen aus dem Umfeld der Konkreten Poesie. Seit einigen Jahren gibt er (zusammen mit Detlef Thiel) das 38-bändige Gesamtwerk von Salomo Friedlaender/Mynona heraus, von dem bisher 16 Bände erschienen sind.
Seit 1983 lebt der Perkussionist Geerken in Wartaweil am Ammersee, mit einer großen Sammlung von Gongs in seinem Garten. 

Hartmut Andrycuk hatte erste Auftritte und literarische Performances mit der Gruppe Solypse - Charmante Schamanen. Herausgabe der Solypse-Prospekte. Mitte der 1980er Jahre war er an Chanskaja stawka, einer Hommage an den russischen Futuristen Welimir Chlebnikow, beteiligt. Ende der 1980er Jahre gab Andryczuk die Zeitschrift teraz mowie - Hefte für experimentelle Literatur und Kunst mit über 100 Teilnehmern in diesem Bereich heraus. 1993 gründete er den Hybriden-Verlag, der sich zu einem internationalen Forum für zeitgenössische Künstlerbücher entwickelte. Kontinuierliche Zusammenarbeit erfolgte mit Wolfgang Müller/Die Tödliche Doris, Hartmut Geerken, Pierre Garnier, Freddy Flores Knistoff, Michael Lentz, Ulrich Woelk, Jaap Blonk, Herman de Vries und anderen.

Zusätzlich zeigt Hubert Kretschmer an diesem Abend in der Glockenbachwerkstatt eine Auswahl von Exponaten des Hybriden-Verlags aus seinem Archiv Künstlerbücher/Archive Artist Publications.

Filmreihe im iRRland, Bergmannstraße 8, München (Westend)
Eintritt frei

Samstag, 8.11.14, 19 Uhr

Hartmut Geerken: Die weisse Leinwand ist ein rotes Tuch 
Ein wilder Film aus dem Afghanistan der 70er Jahre, wo Hartmut Geerken bis zum Einmarsch der Sowjets lebte, collagiert und kombiniert mit den damaligen Medienbildern. Der 16mm-Film ist seit 1976 in Arbeit und dauert derzeit 16 Stunden. Ein ca. einstündiger Auszug dieses Found-Footage-Films wurde 2009 vom Hybriden Verlag zum ersten Mal in einer Edition im Rahmen von „mimas atlas # 8“ veröffentlicht.

Auswahl von Kurzfilmen und Dokumentationen aus
Djinn der Nordsee / VIDEODIARIUM 2004 / RITUALWORT - Literatur & Sprachvideos


Sa. 15.11.14, 19 Uhr

Hartmut Geerken/John Tchicai/Famoudou Don Moye:
The Freetown-Concert 
Moye tutet auf einem Muschelhorn. Tchicai, ganz in Weiß, schlägt Wasser in roter Plastikwanne. Die Kamera schwenkt für einige Minuten auf eine Wand, wo ein s/w-Ausschnitt läuft aus Geerkens found footage opus Die weiße Leinwand ist ein rotes Tuch – Felsbrocken-werfen im Sakko, Christian Burchard der Embryo, Wanderung in Afghanistan, verschneiter Schrott, US-Fetzen, Martin Luther King, die Monroe, europäischer Salat. Derweil repetiert Tchicai eine Phrase, Moye agiert solo. Kurze schwarze Pause, dann geht’s los. Milo Jazz, die siebenköpfige Trommelgruppe der National Dance Society von Sierra Leone, kocht uptempo mit einer so irrwitzigem Präzision, daß das bloße Wort Metronom schon zur Beleidigung wird. Moye dabei, close ups zeigen djembes, Schlitztrommel, kleine Trommeln und agogo. Tchicai erzählt und malt Bilder, er steht halb im Publikum, das auf Stühlen aufgereiht mit starrer Verwunderung das Geschehen verfolgt. Die Weißen bleiben konzertant steif sitzen, selten bewegen sie ihre Köpfe, man weiß nicht ob gelang-weilt oder amüsiert. Sehr hübsch die jungen Damen in der ersten Reihe, die, in Röcken, alle ihre linken Knie übers rechte gelegt haben. Die Schwarzen, meist in erlesenen Roben, scheinen zu wissen was da vorgeht. Waren etwa 200 Leute in der Halle? Walter Mertins von der deutschen Botschaft hatte mit klarem Auge eine ruhige Hand an der Videocamera, einer Neuheit in dieser Gegend. Blick um Blick addiert sich ein Gesamteindruck von dem denkwürdigen Ereignis am 6. April 1985 in Freetown. Tchicai deklamiert, Geerken präpariert Piano und Radio, was sich nahtlos in die schwarzen Kontexte einfügt. Die Kamera geht hinter die Bühne, schaut über verschiedene Schultern. Moye liefert eines dieser unendlich intensiven, nahtlos fließenden drum-Soli, oben der Paiste-Mond, dann oszillierendes cymbal work. Ein schwarzes Tanzpaar, und Geerken spielt eine seiner Lieblingsrollen, den Hauskasper: einen singenden Schlauch in eine tibetischen Kurztube gesteckt, schwingend und trötend, läuft er überall herum durchs Publikum. Am Schluß löst sich’s auf in ehrlichen starken Applaus, sie wollen doch more. – Dann was Anderes, ein rares ethnographisches Dokument. Gute 18 Minuten ohne Ton. Das regt an. Gefilmt von Geerken und Sigi Hauff, Super-8. Musikfest in Rokupr, einem Ort an der Grenze zu Guinea. Happy black folks: der Geist, der Baldachin, ein T-Shirt „Jumbo“, Cube, ineinander verfilzte Tän-zerklumpen, linksdrehend, riesige Zanzas, die Trommlerinnengruppe, Kinder, Farben, Durcheinander – – Im Hybriden Verlag des nimmermüden Hartmut Andryczuk ist also erschienen, was im Juniheft des JP, S. 78 angekündigt wurde. Der letzte Satz muß nur leicht korrigiert werden: Es sind doch nicht die Musiker, die sich an Lianen baumwärts schwingen, sondern, ganz am Schluß, ein Artist, der als fliegendes Spinnenwesen in einem Geflecht von Seilen zwischen zwei langen Stangen acht oder zehn Meter hoch in der Luft überm Publikum unglaubliche Faxen macht .... Afrika hoch! Sowas wie der Felix Ultraschall-Baumgartner war dort schon längst bekannt! Daß auch dies ein Denkmal für John Tchicai werden sollte, konnte keiner vorher wissen. (Detlef Thiel in „Jazzpodum", Februar 2013) 

DVD-Video. Erschienen in der Reihe „Elektronikengel“, Berlin 2012, 68 min

Auswahl von Kurzfilmen und Dokumentationen aus
Djinn der Nordsee / VIDEODIARIUM 2004 / RITUALWORT - Literatur & Sprachvideos

Sa. 22.11.14, 19 Uhr

Hartmut Geerken: kasr el nil
Die „Kasr-el-Nil“ ist eine Hauptverkehrsstraße in Kairo, wo Hartmut Geerken Leiter der Sprachabteilung des Goethe-Instituts war. Aus einem Hotelfenster filmte Geerken im Jahre 1967 die Szenerie des Verkehrs, der Gestalten und ihrer Schatten mit einem Super-8-Film. Unterlegt wird dieser Videokurzfilm mit dem Sound des Autors und Musikers, einer seltsamen Perkussion auf eine Steckdose sowie Umgebungsgeräuschen aus dem Radio. DVD-Video, Berlin 2010

Michael Lentz Lentz in Moskau
Der Autor beschimpft volltrunken russische Schlagerstars in einem Moskauer Hotel. Gesichtet von Oberst Andryczuk. Video-DVD, Dauer: 3:24 min. Berlin 2005

Auswahl von Kurzfilmen und Dokumentationen aus
Djinn der Nordsee / VIDEODIARIUM 2004 / RITUALWORT - Literatur & Sprachvideos

An jedem der drei Abende zeigen wir eine Auswahl von Kurzfilmen und Dokumentationen aus

Djinn der Nordsee 

24 Kurzfilme & Dokumentationen mit Wolfgang Müller, Valeri Scherstjanoi, Michael Lentz, Max Müller, Wolfram Spyra, Hartmut Andryczuk u.a. Ausgewählt und herausgegeben von Hartmut Andryczuk. Video-DVD von ca. einer Stunde Länge. mimas atlas # 5, Berlin 2007.

VIDEODIARIUM 2004 

Mit Wolfgang Müller, Valeri Scherstjanoi, Wolfram Spyra, Michael Lentz, Klaus Beyer, Jörg Buttgereit, Frank Behnke, Eugen Gomringer, Windows-Viren, dem Inox-zuhause-Museum, Fussgängerzone und Sporthotel Barsinghausen, Landeskrankenhaus Hildesheim, Kulturforum Berlin, Springe/Deister, Luxembourg, Gent, Art Frankfurt, Klippur frá Reykjavik im Frisörsalon Beige, V1/V2-Museum Peenemünde und diversen Orten von Elektronikenegls Botschaft mit seinen Dokumenattionen u.v.a.m. DVD, Berlin 2005


RITUALWORT - Literatur & Sprachvideos

Literatur- und Sprachperferformances von Valeri Scherstjanoi, Ulrike Draesner, Namosh, Tilmann Lehnert, Felix Martin Furtwängler, Sergej Birjukov, Jörg Schröder, Mara Genschel, Stephan Krass, Thomas Schulz, Jan Peter Bremer, Arne Rautenberg, Hadayatullah Hübsch, Maja Jantar, Ulrich Woelk, Wolfgang Müller, Hartmut Geerken und Hartmut Andryczuk.

Hartmut Geerken    www.hartmutgeerken.de 
Hartmut Andryczuk   www.hybriden-verlag.de
Hubert Kretschmer / Archive Artist Publications  www.artistbooks.de

Seit 1980 sammelt, archiviert und dokumentiert Hubert Kretschmer im Archive Artist Publications Künstler-Publikationen: Zeitschriften, Flugblätter, Künstlerbücher, Zines, Multiples, Plakate und vieles mehr. Inzwischen umfasst die Sammlung einige 10.000 Items und ist über eine im Internet öffentlich zugängliche Datenbank zu erforschen.
Mit dem Archiv hat Hubert Kretschmer stets das Ziel verfolgt, nicht nur seine Sammlung von Künstlerbüchern zu erweitern, sondern auch das Umfeld und den Zeitgeist zu dokumentieren, in dem die Bücher entstanden sind:
Multiples, Plakate, Einladungen, diverse Tonträger, Fotokopien, Briefmarken, Videos, Zines, CDs, Lieferverzeichnisse, Zeitschriften, Websites und Sekundärliteratur und Ausstellungskataloge.
Die Exponate spiegeln die Kunstströmungen der letzten dreißig Jahre bis heute wider:
die Ausläufer des Fluxus, des Happenings und der Aktionskunst, Mail Art, Stamp Art, die Neuen Wilden, Konkrete und visuelle Poesie, Konzeptkunst und Copy-Art.

Die Veranstaltung und die Filmreihe wird gefördert durch das Kulturreferat der Landeshauptstadt München.

Mittwoch, 1. Oktober 2014

Legehennenbatterie

Plakat, signiert 40 €. Unsigniert – auch 40 €.

Der Hybriden-Verlag ist auch in diesem Jahr bei der Frankfurter Buchmesse vertreten. Neben der ständigen Repräsentation von Künstlerbüchern mit Ulrich Woelk, Hartmut Geerken, Wolfgang Müller / Die Tödliche Doris, Herman de Vries, Michael Lentz, Valeska Gert, Gundi Feyrer, Jaap Blonk, Lea Draeger, Felix Martin Furtwängler, Ottfried Zielke u.a. gibt es als Neuerscheinung die Erstübersetzung von Lukas Dettwiler zu Bengt Emil Johnsons Poem „Zuhause“ mit Fotos von Hans Erixon. Bengt Emil Johnson (1936 – 2010) war Schriftsteller, Komponist, Rundfunkredakteur, Herausgeber und Ornithologe. Lukas Dettwiler studierte Nordische Philologie an den Universitäten Zürich und Uppsala und arbeitet als Archivar beim Schweizerischen Literaturarchiv in Bern. Der lyrische Text des Autors wurde hier zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt. Gefördert wurde das Buch vom Swedish Arts Council. 
Ausserdem hat Wolfgang Müller seine Materialsammlung „MÜLLUNG“ beendet. Die MÜLLUNG umfasst Archivarien, Briefe, Partituren, Fotos, Fundstücke, Manuskripte – direkt vom Schreibtisch des Missverständniswissenschaftlers. 
In der Medien-Editionsreihe Elektronikengel ist ein seltenes Dokument erschienen, ein etwa 10 Minuten langes Künstlervideo einer gemeinsamen Performance zwischen Mitgliedern der Gruppen Die Tödliche Doris und Einstürzende Neubauten  am 29. Mai 1982 im Lokal Risiko, Westberlin. Der Film zu der Edition Wassermusik stammt von Gustav-Adolf Schroeder
Mit dem Themenband RISIKO ist in diesem Jahr die 8. Ausgabe des VOKABELKRIEGERS erschienen, herausgegeben mit dem Kunst:Raum Sylt Quelle. Wie immer beinhaltet dieses Künstlerbuch-Periodikum, das einmal im Jahr erscheint, Erstveröffentlichungen und künstlerische Originalarbeiten. Beiträge sind diesmal von Martin Ahrends, Jorge Herrera, Jan Böttcher, Tanja Dückers, Hartmut Andryczuk, Franziska Marie Gerstenberg, Peter Zitzmann, Martin Grzimek, Hartmut Geerken, Katharina Hartwell, Gerhild Ebel, Wolfgang Hegewald, James Burns, Myriam Keil, Detlef Thiel, Christopher Kloebe, BrandStifter, Rebekka Knoll, Philippe Barcikowski, Daniel Mylow, Carsten Otte, Freddy Flores Knistoff, Monique Schwitter, Fritz Sauter, Michael Stauffer, Mikula Lüllwitz, Sybil Volks, Barbara Fahrner, Stefan Weidner, Egon Günther, Jose Estevao, Konstantin Ames und Clemens Weiss. 
Zu  guter Letzt gibt es mit Protokollen aus dem Diesseits ein neues Künstlerbuch von Hartmut Andryczuk mit Zeichnungen und Zitaten von Bewusstseinsforschern und Philosophen. Wie sagte doch Ludwig Wittgenstein: "Das Bild ist ein Modell der Wirklichkeit. Die Gegenstände entsprechen im Bilde den Elementen des Bildes. Die Elemente des Bildes vertreten im Bild die Gegenstände. Das Bild besteht darin, daß sich seine Elemente in bestimmter Art und Weise zueinander verhalten. Das Bild ist eine Tatsache.“

Der Hybriden-Verlag auf der Frankfurter Buchmesse
8. bis 12. Oktober 2014

Halle 4.1 / L 21

Mittwoch, 24. September 2014

Victor Günthert

Links: Saxifraga granulata.
Rechts: Saxifraga paniculata

Für die deutsche Buchkunstszene war er einer der großen Sammler, der sich auf dem Gebiet der bibliophilen Bücher des 20. Jahrhunderts spezialisiert hatte. 
Er selbst eine äusserst distinguierte Erscheinung, groß gewachsen, buschige Augenbrauen, ein neugieriges und waches Wesen.

Zu jeder Frankfurter Buchmesse gehörte er zu der kleinen Schar von Privatsammlern, zu denen die Künstlerbuch-Verleger eine familiäre Beziehung aufbauten. Vor einigen Jahren verabschiedete er sich dann, zog sich mehr und mehr von der Szene zurück.

Ich erinnere mich gut an einen privaten Besuch bei ihm in München-Schwabing. Er zeigte mir einen Teil seiner Sammlung: die heute wertvollen Bücher der Cranach-Presse von Harry Graf Kessler und der Bremer Presse von Willy Wiegand. Sowohl die Cranach- wie auch die Bremer Presse gehören heute zu den herausragenden bibliophilen Erzeugnissen, die sich am Anfang des 20. Jahrhunderts gegen die industrielle Buchproduktion wendeten.

Victor Günthert war aber nicht nur ein Spezialist der Bibliophilie; er sammelte auch zeitgenössische Künstlerbücher, die andere Präferenzen als Satz, Druck, Typografie, Einbandgestaltung oder Papierauswahl hatten. Zu ihnen gehörten auch die Künstler der Burgart-Presse von Jens Henkel, Felix Martin Furtwängler oder Ottfried Zielke. 

Zu einem Privatsammler kommt man nicht mit leeren Händen. Also hatte auch ich Künstlerbücher dabei. Nach Kaffee, Kuchen und Gesprächen über alpine Gärten packte ich meinen Bauchladen aus. Er schaute sich alles aufmerksam an, fand es großartig und meinte dann: „Hätte ich Sie einige Jahre vorher kennen gelernt, hätte ich alles von Ihnen gekauft. Nun bin ich aber zu alt, um dort noch einzusteigen.“ Das Fatale daran war, dass er einfach die Wahrheit sagte. Es war keine Strategie von ihm, keine Entschuldigung oder ein fragwürdiger Trost für mein misslungenes Geschäft. 

In den letzten Jahren war er mit der Katalogisierung seiner Sammlung beschäftigt. Leider ist das etwas, was viele Privatsammler immer tun wollen, es hinausschieben und dann vorher sterben. 

Auf der Buchkunst Weimar im letzten Jahr erschien Victor Günthert überraschend, sprach lange mit vielen Herausgebern und erwarb hier und da etwas. Ich sollte ihm in Mai besuchen, wenn ich in München sein würde. Also rief ich ihn im Mai diesen Jahres an. Da war er zu dem angegebenen Termin in Hamburg. Jetzt fahre ich im November wieder nach München und dachte daran, ihn zu besuchen, bis Cornelia Göbel, die Frau des Privatsammlers Reinhard Grüner anrief und mir mitteilte, dass Victor Günthert am 17. September gestorben ist. 


(H.A.)

Dienstag, 16. September 2014

Ur, Uhr, Ur-Uhr?

Apple Watch, Revision 2 oder 3?
„But there will be something, or several somethings, that will cause it to be misunderstood by those who are only able to frame new creations in the context of what came before them. Apple’s watch won’t fit in an existing mold. It won’t be a phone on your wrist. It won’t be a watch as we know it. We already have excellent phones. We already have excellent watches. For the Apple watch to be worth creating, it must be excellent at something else.“
Daring Fireball
Ich verstehe Apples neue Smartwatch nicht. Ist das eine Uhr? Ist das keine Uhr? Ist das mehr als eine Uhr? Und wozu soll sie gut sein? Zur Selbstoptimierung? Als kleiner Bruder des iPhones? Was mache ich damit? Mich benachrichtigen lassen, dass ich eine E-Mail erhalten habe, obwohl die gleiche Benachrichtigung auch 25 cm weiter signalisiert wird?- auf meinem iPhone, ohne das die Apple Watch gar nicht funktioniert. Und wenn ich ein Fitness-Freak und Gesundheits-Paranoiker bin, jeden Tag meine Schritte zähle, den Kalorienverbrauch registriere, Herzschlag und Blutdruck kontrolliere, so reicht die Ladung der Apple Watch doch nicht dazu aus, nachts noch meinen Schlafrhythmus zu optimieren. 
Als jahrelanger Nicht-Uhrenträger und Apple-Enthusiast fällt es mir schwer, von dieser Uhr, die keine Uhr ist, fasziniert zu sein. Sie ist nicht wasserdicht, hat kein GPS, ist vom Smartphone abhängig, hält nur einen Tag und ist ab Januar in ihrer günstigsten Ausführung vermutlich ab 350 € erhältlich. Ob der Akku dann problemlos nach einem Jahr ausgewechselt werden kann oder gleich die Uhr weggeschmissen werden muss, ist noch unklar.
Wenn schon eine Uhr, die keine Uhr mehr sein will, warum hat Jony Ive dann doch wieder eine Uhr designt und nicht einen Armreif oder ein Armband?
Zunächst scheint diese erste Revision einer Apple Watch ein Lifestyle-Produkt für Beta-Testern zu sein, die alles kaufen, was neu mit dem Apfel ist. Die Kinderwagen-Jogger mit den Beats-Kopfhörern in den trendigsten Sportklamotten. Das iPhone am Oberarm, die Apple Watch als Sports Edition am Handgelenk, 5-Tage-Bart und frisch intimrasiert.

Aber vielleicht gehöre ich auch zu jenen, die zunächst immer schimpfen und dann doch das Produkt kaufen. Nicht weil sie es brauchen, sondern weil es schön ist. 
(H.A.)