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Mittwoch, 18. Dezember 2013

usbstick in sicheren händen


ort: flughafen antalya/türkei sicherheitskontrolle
zeit: 14. dezember 2014, ca. 04:15 uhr morgens
bei der sicherheitskontrolle lege ich meine habseligkeiten aus den taschen in eine box. meinen anorak obendrauf. in eine mulde in der kapuze des anoraks lege ich meinen schlüsselbund und meinen usbstick, den ich immer in meiner hosentasche bei mir trage. es ist eine sicherheitskopie mit dem inhalt meiner festplatte. die mulde habe ich extra gemacht, damit nichts herausfällt. schlüssel und stick liegen sicher darin wie die eier in einem vogelnest. -  meine sachen laufen in die röntgenmaschine und ich gehe durch die schleuse. es piepst. ich muss nocheinmal zurück und meine stiefel ausziehen. es piepst nicht mehr. ich ziehe meine stiefel wieder an. ich will schlüssel und stick als erstes in die hosentasche stecken: der stick fehlt!!! ich sage es einer der sicherheitsbeamtinnen. sie zuckt die schultern. ich werde bestimmter. die beamtin sagt in stockendem englisch, sie habe nicht gesehen, dass ich den stick in die box gelegt hätte, so könne ich auch nicht behaupten, dass der stick fehle. ich beharre aber darauf. eine junge beamtin, die für die boxen vor der maschine zuständig ist, tut unschuldig, zuckt die schultern, kann offensichtlich kein englisch oder tut nur so. schliesslich suchen mehrere beamte auf & unter der maschine nach dem stick. erfolglos. ich gehe protestierend durch die schleuse hin & her. -  ein mir fremder junger herr betritt die szene & sagt, er habe gesehen, wie die junge beamtin den stick einem anderen beamten zugeworfen habe & dieser sei nach hinten verschwunden. den stick beschrieb er als silbern, was stimmte. ich werde bestimmter & fordere die beamtin auf türkisch auf, unverzüglich dafür zu sorgen, dass der stick wieder auftaucht. ich sage ihr, dass wir einen zeugen hätten, der gesehen habe, wie der stick von der jungen beamtin einem anderen beamten zugeworfen worden  und der dann nach hinten damit verschwunden sei. die beamten wechseln worte, auf die ich aber nicht achte. schliesslich geht einer nach hinten, kommt nach kurzer zeit mit dem stick zurück & übergibt ihn erst der beamtin, dann die beamtin mir. sie sagt der stick sei wohl heruntergefallen und sie hätten ihn dem chef gebracht. aber warum taten sie dann alle so, als ob sie nach dem stick suchen??? - schlüssel & stick lagen so tief im 'nest' meines anoraks, dass der stick unmöglich herausgefallen sein konnte. der jungen beamtin an der box sah man ihr schlechtes gewissen an. erst nach bekanntwerden eines zeugen waren die beamten bereit, den stick mit einer faulen ausrede herauszugeben. ausserdem wäre es angebracht gewesen, angenommen der stick sei tatsächlich herausgefallen, die dort stehenden reisenden zu fragen, wem er gehöre.                                                                                      
h.g. 151213

Donnerstag, 5. Dezember 2013

insulae


In dem Feature 'insulae' von Hartmut Geerken werden drei Inseln akustisch vorgestellt, die geografisch und atmosphärisch nicht weiter voneinander entfernt sein könnten: die bekannteste ist das seit Jahrzehnten vom Tourismus bevölkerte Bali, die unbekannteste nannte Homer Ogygia; sie ist der südlichste Fels Europas, eine vergessene Insel mit nur 30 ständigen Bewohnern, 120 Meilen von der libyschen Küste entfernt, aber noch zu Griechenland gehörend, obwohl immer wieder auch die Türkei Territorialansprüche stellt. Im Staatsvertrag zwischen Griechenland und der Türkei wurde nämlich vergessen, diese Insel mit aufzunehmen. Man sagt, dass dort Kalypso gehaust und Odysseus jahrelang festgehalten habe.
Die dritte 'Insel' ist von besonderer Art. Der berliner Philosoph Salomo Friedlaender/Mynona schafft sich nach der Vertreibung aus seiner Heimat in den Jahren 1933 bis zu seinem Tod 1946 in einer winzigen Sozialwohnung in Paris und unter katastrophalen ökonomischen und politischen Verhältnissen seine eigene, nur auf seiner inwendigen Landkarte verzeichnete Insel. Er nennt sie 'ICH-Heliozentrum'. Friedlaenders Grundgedanke ist, dass sich jedes Individuum im Innern sein eigenes Sonnensystem erschaffen soll, analog dem der kopernikanischen Revolution in der Astronomie, denn der Einzelne, daher auch die Gesellschaft ist bis heute ptolemäisch ausgerichtet, mit der Erde im Mittelpunkt des Denkens.  Dies soll sich ändern, indem jeder Einzelne seine eigene innere Sonne kultiviert, um die der ganze planetarische Alltag zu kreisen hat. Alles Äußere würde sofort verbrennen, wenn es in die Nähe dieser inneren Sonne käme. Nur unter den Bedingungen des ICH-Heliozentrums sei der Weltfrieden garantiert, sagt Friedlaender, und nicht durch Staatsgrenzen, Parteien, Religionen, die zwangsläufig immer wieder ins Chaos münden. - In extremer Armut dahinvegetierend hat Friedlaender diesen Gedanken in unermüdlicher Frische sein Leben lang weiter entwickelt und wurde dadurch zu einer Art Insel inmitten der Unbilden von widerstreitenden Meinungen.
Diese drei durch Meer oder Gesellschaft isolierten Inseln werden in 'insulae' akustisch präsent durch aktuelle Aufnahmen von ungewohnt exotischen Geräuschen, durch hochkomplexe balinesische Musik, durch Stille und durch eine Stimme, die aus den Exil-Tagebüchern Friedlaenders aus den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts bestimmte Passagen artikuliert. Die Auswahl dieser Zitate blieb dem Zufall überlassen. Es sind kurze Sequenzen und Notizen die gerade erst vor wenigen Wochen aus den handschriftlichen Tagebüchern transkribiert wurden und bisher unveröffentlicht sind.
Schrille Aufnahmen vom Vorabend des balinesischen Neujahrsfests 'Nyepi' werden von Friedlaenders Sätzen tangiert, die in der stillen Atmosphäre eines Apollotempels oder der absoluten Abgeschiedenheit einer Schlucht auf der vergessenen Mittelmeerinsel gesprochen werden. Dadurch werden unterschiedliche akustische Räume wahrgenommen. Die Entfernungen der Inseln voneinander schrumpfen durch die Mischung ihrer jeweils typischen Sounds.
Verschiedene Formen von Glück gehören zum Thema. Ein balinesischer Gecko verheisst Glück, wenn er sieben- oder, noch besser, neunmal hintereinander seinen Ruf 'to-kee' vernehmen lässt. Die Isolation und Stille auf einem vergessenen Eiland und das Eingebundensein in die natürlichen Abläufe können, wenn man es zulässt, allumfassende Glücksgefühle hervorrufen. Und ein aus seiner Heimat verjagter Philosoph kann sich, sogar noch in akuter Lebensgefahr in eine Insel der Glückseligen hineindenken, auch wenn der Alltag dies für unmöglich erscheinen lässt.

Regie, Tonaufnahmen, Sprecher: Hartmut Geerken
Texte: Salomo Friedlaender/Mynona
Musik: Satya Brasta, Ubud, Bali

Mittwoch, 4. Dezember 2013

Von der Sylt Quelle zum Afrika Wunderhorn


Elektronikengels Botschaft # 7 - Von der Sylt Quelle zum Afrika Wunderhorn

Zu Gast ist Indra Wussow; Unternehmerin, Stifterin und Herausgeberin

Am Mikrofon: Hartmut Andryczuk

14 Jahre Sylter Inselschreiber - Literaturwissenschaft und Exportmanagement - Getränke und Granatäpfel - Importe aus Aserbaidschan - Kulturelles Zentrum Sylt - Sylt Quelle, Mineralbrunnen und Glaspavillon - Exklusives Mineralwasser mit höherem Jodgehalt -  Stiftung kunst:raum sylt quelle - Valeska Gert in Kampen - Eine nicht realisierte Gästebuchausstellung - Oliver Schmitz - Insel der Reichen und Schönen oder der Reichen und Doofen? - Gentrifiziertes Hörnum - Golfkurse und Direktflüge nach Schottland zu den wahren Links-Plätzen - Puppenstubenlandschaften - TUI Dorfhotel in Rantum - Ausstellung zur Militärgeschichte Sylts - Ein Jachtverein, der Herman Göring gedenkt - Flugboote im Rantum-Becken - Literaturautomat von SuKuLTuR - 1 Euro-Lesehefte bekannten Autoren - Johannesburg - Neue Formen von Kolonialismus - Kulturelle Klischees - Engagement und Selbstausbeutung - Afrika Wunderhorn, Literatur der Diversität - Helon Habila - Buchmesse in Lagos - Open City - National Arts Festival in Grahamstown - Kulturförderumg in Südafrika - No Gated Community - Armut und Reichtum in Johannesburg - Nairobi - Kibera, der größte Slum Afrikas - Mittelstand in Soveto - Vokabelkrieger, ein Künstlerbuch-Projekt  - Risiko und Grenzgänger 

2002 gründete Indra Wussow auf Sylt die von ihr geleitete private Stiftung kunst:raum sylt quelle. Die Stiftung fördert mit Stipendien, Ausstellungen, Aufführungen, Veröffentlichungen und Vortragsreihen Künstlerinnen und Künstler unterschiedlicher Nationen sowie den Dialog zwischen Wissenschaft, Kunst und Sozialem. 2008 eröffnete Indra Wussow eine Dependance der Stiftung in Johannesburg, das Jozi art:lab. Dort und auf Sylt begegnen sich seither auf Einladung der Stiftung regelmäßig westeuropäische und afrikanische Künstler und Schriftsteller, um an eigenen und gemeinsamen Projekten zu arbeiten. Zu den von Indra Wussow innerhalb der Stiftung ins Leben gerufenen Preisen gehören der Literaturpreis „Inselschreiber“ (unter den bisherigen Preisträgern u.a. Terézia Mora, Juli Zeh und Judith Kuckart), der gemeinsam mit der Zeitschrift Photonews vergebene „Sylt Preis für zeitgenössische Fotografie“ und der gemeinsam mit dem Goethe-Institut vergebene „Sylt Quelle Cultural Award for Southern Africa“, der Kultur und Soziales verknüpft.

Sendung im freien Künstlerradio reboot.fm am Samstag, den 7. Dezember 2013, 20 Uhr

88,4 MHz Berlin & Live-Stream: http://reboot.fm

kunst:raum sylt quelle: http://www.krsq.de/de/index.php

jozi art:lab http://www.jozi-artlab.co.za/en/index.php




Dienstag, 3. Dezember 2013

Biennale Buchkunst Weimar – I sold the nacked Nietzsche

Message to Dr. H.: I sold the nacked Nietzsche

Zum vierten Mal fand am Wochenende die Biennale Buchkunst Weimar statt, die im Jahre 2007 von Gudrun Illert initiiert wurde. Der Besuch war sehr gut, die Stimmung unter den Ausstellern ebenfalls, die Verkäufe zufriedenstellend. Der Oberbürgermeister der Stadt erklärte am Stand, dass das meiste Geld in den Kommunen für Standards ausgegeben werden würde. Also zum Beispiel nicht für den Bau eines neuen Radwegs sondern für das Gutachten zu einem neuen Radweg. 

Wie viel Geld hätte die Städten, Kommunen und Gemeinden ohne Gutachter und Anwälte zur Verfügung? Zum Beispiel für „bibliophile Kostbarkeiten, Originalgrafiken, Malerbücher, limitierte Handpressendrucke, Unikatbücher bis hin zu Buchobjekten von hoher künstlerischer und handwerklicher Qualität“ – wie die Stabsstelle "Kommunikation und Protokoll" der Stadt Weimar die 4. Buchkunst Weimar ankündigte. 

Besuche bei kleinen lokalen Messen sind immer inspirierend und man trifft dort neben Gleichgesinnten auch unerwartete Persönlichkeiten wie einen Anti-Gropius-Philosophen aus den USA. Manche Sammler sind inzwischen auch von den größeren Buchmessen wie Leipzig oder Frankfurt genervt und wenden sich den kleineren Veranstaltungen zu.

Was Weimar angeht, ist dort der Sammelort für Künstlerbücher die Anna-Amalia-Bibliothek und zur Buchkunst Weimar gab es im Vorfeld eine Art Preisausschreiben zu „Shakespeare“ - mit dem Ankauf der prämierten Künstlerbücher. Das muss man nicht mögen und daran braucht man sich auch nicht beteiligen. Für andere hingegen ist das vielleicht eine Chance, etwas Geld zu verdienen. Wie auch immer: Harry Graf Kessler hätte sich an solchen Projekten sicher nicht beteiligt. 

Dieser Eindruck soll aber nicht das Positive der Buchkunst Weimar schmälern. Hier ist dank Gudrun Illert etwas Gutes entstanden. Letztendlich sind es immer Menschen, die Projekte gestalten und fördern und nicht Institutionen, Kommunen oder Stiftungen.

Teilnehmer der 4. Buchkunst Weimar waren:
Tina Flau (Atelier Flau), Gudrun Illert (Atelier G), Andreas Hegewald (BUCHENpresse), Jens Henkel (burgart-presse), Sabine Golde (Carivari), Peter Zaumseil (Dreier Press), Henry Günther (Edition Balance), Rainer Ehrt (Edition Ehrt), Rolf Lock (Edition Lock), Reinhold Nasshahn (Einhand Presse), Frank Eißner (Frank Eissner Handpresse), Caroline Saltzwedel (Hirundo Press), Hartmut Andryczuk (Hybriden-Verlag), John Gerard (John Gerard), Christian Ewald (Katzengraben-Presse), Felix Martin Furtwängler (Privat-Presse-Berlin), Reinhard Scheuble (Quetsche, Verlag für Buchkunst), Peter Zitzmann (schPeZi-Presse), Bettina Haller u.a. (Sonnenberg Presse Chemnitz und Kemberg), Uwe Warnke (Uwe Warnke Verlag)

MDR-Trailer: Minute 7:58 bis 8:23
http://www.mdr.de/mediathek/suche/video163684_zc-485c01ae_zs-d23ba9ff.html

Buchkunst Weimar – Atelier G
http://www.illert.com/7.html

Dienstag, 26. November 2013

Sparkasse – Die Bank ist die Beschrankung aufgelegt

Sparkasse ohne ä, ö und ü

Heute erreichte den Daten-Messie folgende Mail. Die Spam-Filter der ehemaligen Tante Alice versagten wieder einmal. 
Verfasst wurde Sie von weanednf15@globe.gu.se mit dem Betreff: Auf Ihre Rechnung in Sparkasse. Die Bank ist die Beschrankung aufgelegt.

Der Daten-Messie ist entsetzt. Die Betrüger verwahrlosen immer mehr und geben sich keinerlei Mühe mehr.

"Sehr geehrter Benutzer,Sparkasse Die Bank pruft die Rechnungen der Kunden periodisch, Um die Gaunerei und\oder die ungesetzlichen Geschafte zu prufen und zu verhindern.Nach einem solcher Prozesse, auf Ihrem der Rechnung waren die verdachtigen Nichtubereinstimmungen gefunden.Damit die Unbequemlichkeiten, die fur Ihre Rechnung zutreffen, solche wie den Stop oder die Beschrankung zu meiden, bitte, fullen Sie die Form aus, um Ihre personlichen Daten zu prufen.Damit es zu machen, beladen Sie auch fullen Sie unsere Form aus. Sie konnen sie in der Anlage zum Brief finden."

Mittwoch, 13. November 2013

ISON


Ein Komet reist durch unser Sonnensystem und niemand erwartet jetzt den Weltuntergang. Warum eigentlich nicht? Die größten Katastrophen passieren doch immer, wenn niemand damit rechnet. Plötzlich crasht die Börse, schliessen die Banken über das Wochenende, explodiert ein Atomkraftwerk oder verwüstet ein Tsunami ganze Landstriche. Selbst die Verschwörungstheoretiker kommen da nicht nach. 
Der Komet Ison wurde im Jahre 2012 von den beiden Amateurastronomen Witali Newski und Artjorn Nowitschonok entdeckt. Wahrscheinlich stammt er aus der Oortschen Wolke. Anfang Oktober kam er dem Mars sehr nahe und Ende November nähert er sich bis auf 1,8 Millionen km der Sonne. Ob er dabei verglüht oder nicht – darüber kann man spekulieren. Ende Dezember ist es dann soweit; Ison nähert sich in der Nacht vom 26. auf dem 27. Dezember der Erde, –  nur noch lächerliche 60 Millionen Kilometer entfernt. Das ist weniger als ein astronomischer Katzensprung. Aber auch diesmal wird vermutlich alles gut gehen. 2012 ist der Weltuntergang ja ausgeblieben und die Nibiru-Apokalyptiker sind still geworden. Der nächste kommt bestimmt. Aber sicher nicht um die Weihnachtszeit. 

http://www.komet-ison.de

Montag, 11. November 2013

Kaminzimmer

Auch dabei, wenn Mynona nach Berlin zurück kehrt,
die intransitiven Philosophen: Prof. Hiroo Nakamura und Dr. Detlef Thiel

Die längst fällige Herausgabe seiner Schriften, Briefe und Nachlaßtexte hat  Gestalt angenommen. Zu entdecken ist ein Metaphysiker von ungeahnter Tiefe, ein Literatur- und Kulturkritiker von bestürzender Aktualität, ein unerschöpflich genialer Sprachmeister, ein Satiriker und Parodist vom Rang eines Lichtenberg oder Voltaire – der lachende Inszenator des „großen Immanuel Unbekannt”.
Friedlaender/Mynonas philosophischer Denkweg lässt sich in die Formel fassen: Von Schopenhauer und Nietzsche durch Ernst Marcus zu Kant – und über Kant hinaus. Nachhaltig geprägt durch den Altkantianer Marcus (1856-1928), weist er unermüdlich auf Kants Impulse hin: Gesetzesbegriff, Revolutionsprinzip und Vernunftreligion, Weltfrieden, Recht und Freiheit. Solche Forderungen der Vernunft sind aus dem Inneren der Person heraus zu kultivieren, aus der „schöpferischen Indifferenz”, dem „Heliozentrum” als absoluter Mitte zwischen allen Extremen. Das ist der praktische Zweck seines philosophischen Polarismus.

Im Lauf von 50 Jahren hat Friedlaender/Mynona ein umfangreiches und vielgestaltiges Werk geschaffen, das jenseits trivialer Trennungen von Philosophie und Literatur als ein „Vernunftgewitter” wirken sollte. Geboren 1871 in Gollantsch (Posen, heute Polen), studiert Friedlaender/Mynona Medizin, dann Philosophie in München, Berlin und Jena. Seit 1902 lebt er in Berlin. 1909 beginnt er unter dem Namen Mynona (Umkehrung von anonym) Grotesken zu veröffentlichen, die ihn im deutschen Sprachraum rasch bekannt machen. In diesen meisterhaft komponierten Zerrbildern, ebenso in Romanen und Novellen, Parodien und Gedichten will er die Erinnerung an „das göttlich geheimnisvolle Urbild des echten Lebens” auffrischen.

Sein philosophisches Werk umfasst neben der Dissertation (Jena 1902, bei Otto Liebmann) zwölf Bücher plus rund 200 Aufsätze und Rezensionen, in denen er sich scharfsinnig und hellsichtig mit den Zeitgenossen auseinandersetzt: Max Scheler, Ernst Bloch, Henri Bergson, Walther Rathenau, Hugo Ball, Albert Einstein, Oswald Spengler, Samuel Lublinski, Ernst Barthel, Jean-Paul Sartre ...
Jedoch konnte Friedlaender/Mynona dem „Ring der Knebelungen”, der sich in der späten Weimarer Republik um ihn schloss, nicht entrinnen. 1933 emigriert er nach Paris, dort stirbt er 1946 in extremer Armut. Die meisten seiner insgesamt 40 Bücher wurden nicht mehr aufgelegt, seine kleineren Texte und seine politischen Stellungnahmen niemals vollständig gesammelt. Über Inhalt und Umfang seines Nachlasses und seines Briefwechsels existierten bestenfalls Legenden. So ist bis heute nicht deutlich geworden, daß er ein aktives Ferment in den Gärungsphasen zahlreicher Diskurse bildete, die mittlerweile oft so bekannt scheinen, daß man es nicht mehr für nötig hält, nachzuforschen, wie sie sich entwickelt haben und von wem sie ausgingen.

Friedlaender gehört zur ersten Generation der Nietzscheaner. Er korrespondiert mit „der stadtbekannten Schwester des weltbekannten Bruders”; Georg Simmel fördert sein Nietzsche-Buch von 1911. Mit Marcus engagiert sich Friedlaender/Mynona in den Debatten um Kant und Einstein; er verteidigt Goethes Farbenlehre, schreibt die ersten Monographien über George Grosz und Remarque und legt den philosophischen Grundstein des Dadaismus. Er übt Kritik an Freud, gibt dem Psychologen Fritz Perls die Basis für seine Gestalttherapie, arbeitet zusammen mit Alfred Kubin, seinem langjährigen Briefpartner. Er war befreundet und bekannt mit Autoren wie Paul Scheerbart, Else Lasker-Schüler, Georg Simmel, Kurt Hiller, Martin Buber,Walter Benjamin, Karl Kraus und Joseph Roth, mit Künstlern wie Raoul Hausmann, Hannah Höch, Kurt Schwitters, Arthur Segal und Ludwig Meidner. Bereits seit 1920 führt er einen erbitterten Kampf gegen den heraufziehenden Nationalsozialismus. Im Pariser Exil kann er unter widrigsten Umständen mehrere philosophische Werke abschließen, darunter die kantisch-kritische Revision seiner Schöpferischen Indifferenz von 1918 – Das magische Ich.

(Hartmut Geerken & Detlef Thiel)

Veranstaltung: Mynona/Salomo Friedlaender: Dichter, Parodist, Erzähler und Philosoph

Im Gespräch mit Mechthild Rausch stellen Hartmut Geerken und Detlef Thiel Mynona und sein Werk vor.

Literaturhaus Berlin, Freitag 15. November, 20 Uhr / Kaminzimmer

http://www.literaturhaus-berlin.de/unten/programm/langversion/15_nov.html

Montag, 28. Oktober 2013

Ufoforschung


Elektronikengels Botschaft # 6 - Ufoforschung

Zu Gast ist der Physiker, Ufoforscher und Autor Illobrand von Ludwiger

Am Mikrofon: Hartmut Andryczuk

Themen: Ufoforschung statt Ufologie. Sternwarte Bamberg und Raumfahrt-Begeisterung. Gravitationsforschung. MUFON-CES. Fremde Antriebssysteme. Ignoranz der Mainstream-Wissenschaft. Erste Sichtungen im Jahre 1947. Foo-Fighters im zweiten Weltkrieg. Ufos über Stralsund im Jahre 1656. Erasmus Francisci. Mittelalterliche Zeichendeutung und schwedische Blutbäder. Reisen fremder Intelligenzen. Hyperräume. Reisen aus der Zukunft. Stephen Hawking. Begrenzte Möglichkeiten der Raumzeit. Physikalische Wechselwirkungen unbekannter Flugobjekte. Militärische Radaraufzeichnungen. Lichthüllen und leuchtende Atmosphären. Gepulste Magnetfelder. Wissenschaftler und ihre Blamage-Angst. Ufo-Gesprächsrunde im ZDF. Wissenschafts-Entertainer: Harald Lesch und Ranga Yogeshwar. Unterschiedliche Phänomene: Klasse A- und Klasse B-Ufos. Metallische Objekte und Lichter. Häufigkeit der Sichtungen. Projektionen von einer Galaxis zur anderen. Wer sind die Ufo-Piloten? Abduktion. Implantate  bei Entführungsopfern. MMPI-Test. Alien Discussions. Posttraumatische Stresssyndrome. Budd Hopkins. Mensch-Alien-Hybrid. Sechsdimensionale Räume. Burkhard Heim. Einsteins Einheitliche Feldtheorie. Geometrisierung elektromagnetischer Felder. Daisy/CERN. Parapsychologie. 

Von Ludwiger studierte in Hamburg, Erlangen und Göttingen Physik, Chemie, Mathematik und Astronomie. Neben dem Studium war er zwei Jahre an der Universitätssternwarte in Bamberg tätig und erwarb 1964 an der Universität Erlangen sein Diplom als Astrophysiker. Seither arbeitet er als Physiker und Systemanalytiker in der Luft- und Raumfahrtindustrie, u.a. für die EADS. Er gehörte zur Startmannschaft der ELDO Europarakete 1966 in Woomera (Australien) und arbeitete in militärischen Projektarbeiten in den USA, Frankreich und England. 1974 gründete er die zentraleuropäische Sektion der US-amerikanischen UFO-Gesellschaft Mutual UFO Network (MUFON), die MUFON-CES in Feldkirchen-Westerham. Dies ist eine private Vereinigung von Wissenschaftlern zur Untersuchung unidentifizierbarer Flugobjekte. Von Ludwiger ist Autor zahlreicher Bücher und Zeitschriftenbeiträge vor allem zum UFO-Phänomen. Er vertritt dabei die These, dass sich manche UFO-Erscheinungen nicht auf bekannte irdische Ursachen zurückzuführen lassen und sich dies auch wissenschaftlich belegen lässt. In Anerkennung seiner langjährigen Untersuchung der UFO-Phänomene erhielt er 1990 den Dr. A. Hedri-Preis der privaten Schweizer Hedri-Stiftung. 

Mutual UFO Network – Zentraleuropäische Gesellschaft: http://archiv.mufon-ces.org/text/deutsch/news.htm

Sendung am 2. November 2013, 20 Uhr im Freien Künstlerradio reboot.fm 
(Live-Stream oder 88,4 MHz in Berlin oder 90,7 MHz in Potsdam)


Donnerstag, 24. Oktober 2013

Solaris


Und dem Tod soll kein Reich mehr bleiben

Und dem Tod soll kein Reich mehr bleiben. 
Die nackten Toten die sollen eins 
Mit dem Mann im Wind und im Westmond sein; 
Blankbeinig und bar des blanken Gebeins 
Ruht ihr Arm und ihr Fuß auf Sternenlicht. 
Wenn sie irr werden solln sie die Wahrheit sehn, 
Wenn sie sinken ins Meer solln sie auferstehn. 
Wenn die Liebenden fallen - die Liebe fällt nicht; 
Und dem Tod soll kein Reich mehr bleiben.

Und dem Tod soll kein Reich mehr bleiben.
Die da liegen in Wassergewinden im Meer
Sollen nicht sterben windig und leer;
Nicht brechen die die ans Rad man flicht,
Die sich winden in Foltern, deren Sehnen man zerrt:
Ob der Glaube auch splittert in ihrer Hand
Und ob sie das Einhorn des Bösen durchbrennt,
Aller Enden zerspellt, sie zerreißen nicht;
Und dem Tod soll kein Reich mehr bleiben.

Und dem Tod soll kein Reich mehr bleiben. 
Keine Möwe mehr darf ins Ohr ihnen schrein 
Keine Woge laut an der Küste versprühn; 
Wo Blumen blühten darf sich keine mehr regen 
Und heben den Kopf zu des Regens Schlägen; 
Doch ob sie auch toll sind und tot wie Stein, 
Ihr Kopf wird der blühende Steinbrech sein, 
Der bricht auf in der Sonne bis die Sonne zerbricht, 

Und dem Tod soll kein Reich mehr bleiben.

Dylan Thomas

(übersetzt von Erich Fried)

http://www.planetlyrik.de/dylan-thomas-und-dem-tod-soll-kein-reich-mehr-bleiben/2010/09/

Montag, 21. Oktober 2013

edition swumfsl - Bibliografie



     Dr. Detlef Thiel, Derrida-, Kant- & Mynona-Spezialist, bat uns darum, seine seltsame Bibliografie der edition swumfsl hier zu veröffentlichen. Diesem Wunsch kommen wir gerne nach. Am Ende der Liste finden Sie die Kontaktdaten. (T.D. = Team Daten-Messie)

1 Amorpheus
November 2000, 36 S. – Deutsch/französisch. Eine brennende Meditation über Erotik oder eine Art anonymer Liebesbrief
2 Bildlist
Dezember 2000, 80 S., 10 Euro. – Meistens deutsch. Annotierter Katalog zu über 1000 Gemälden und Zeichnungen, mit keinerlei Illustrationen
3 Scissoufroir
Januar 2001, 40 S. – Kurze Prosastücke mit einer unwiderstehlichen Tendenz zur Zerstörung der sogenannten normalen Sprache
4 La [!] simple Alphabet
1990, Ndr. mit einer Nachbemerkung, Februar 2001, 36 S. – Mit dem Alphabet von Johann Neudörffer (Nürnberg 1540) und einer Zeichnung. Illusionen über die alphabetischen Gestalten
5 Quecksilber
März 2001, 40 S. – Khunrath der Alchemist schrieb, daß manche das Quecksilber (Mercurius) aus der Philosophie austreiben wollen. Also gibt es hier Poesie & andere verbotene Ingredienzien der Philosophie
6 Line Songs
April 2001, 40 S. – Englisch. Gedichte & Kurztexte, manche von verschiedenen Bands vertont, andere bleiben unsingbar. Allesamt nicht ganz orthodoxford
7 Druckhelfer in Hartmut Geerkens kant
Aufgespießt von Detlef Thiel
April 2001, 10 S. – Anzettelung dringend nötiger Deutungsversuche. Vergriffen
8 Al-kohol
Mai 2001, 32 S. – Protokolle von Trinkgelagen & Trunkenheiten, mit einer beachtlichen Erklärung der Herkunft des Wortes Alkohol
9 Konsiderationen
Juni 2001, 40 S. – Kurze Prosagedichte, einige über Musik, entstanden zwischen 1972 und 2001
10 Fersternen
Juli 2001, 40 S. – Deutsch/lateinisch. Textuelle Experimente & Explorationen in nicht existenten oder erfundenen Sprachen
11 Ink Fluyd
August 2001, 52 S. – Englisch/deutsch. Frühe und apokryphe Songtexte einer allzu wohlbekannten Rockband, mit ausführlichen Kommentaren
12 Hemianopsie
September 2001, 36 S. – Zwo Ansprachen bei Vernissagen, mit Reflexionen über Kunst & Malerei. Eine Art Anti-Ästhetik
13 Detusch Litratt
Oktober 2001, 36 S. – Geschichten, Briefe, Gedichte & andere Sprachtechniken, mit bösen Meditationen über Goethe Kant usw.
14 Otolith
November 2001, 40 S. – Über Musik im allgemeinen & besondere Beobachtungen über Hören, Schwerhörigkeit & Taubheit sowie über Phonographie
15 Edrissa Ken Joof: Rumour
RedRudy Publications Amsterdam in association with Waitawhile Books & edition swumfsl, 2002, 24 S. – Englische Gedichte eines jungen gambianischen Poeten. Nachwort K. D. Thiel
16 Paul Wilhelm Thiel: P W
Dezember 2002, 36 S., mit Fotos. – Tagebuch eines prisoner of war in Afrika & den USA
17 druckhelfer in hartmut geerkens kant, zwote hälfte
grad noch erwischt von klaus detlef thiel
Januar 2003, 13 S. (14,8 x 17 cm) – Fortsetzung von Nr. 7, mit drei Appendices
Vergriffen
18 Decyfring Le Sony’r Ra
Mai 2003, 36 S., Ill. – Forschungen und Beobachtungen zu Sun Ra, Geschichten von der 9. Internationalen Sun Ra Convention in Gambia
2. revid. Ausgabe, Mai 2005
19 Paul nicht mit der Scher entbarten
Juli 2003, 18 S. (9,5 x 21 cm) – Impressionen von Der verliebte Antierotiker. Paul Scheerbart in Selbstzeugnissen, Hörspiel von Mechthild Rausch, Regie Hartmut Geerken (Bayerischer Rundfunk, Januar 1993). Vergriffen
20 KANZTH?
Januar 2005, 40 S. – Eine esoterische Unterhaltung zwischen Kant, Sun Ra, Friedlaender/Mynona & anderen berühmten Persönlichkeiten
21 Bombay & Protonen
Wolfgang Rohner-Radegast & Klaus Detlef Thiel im Gespräch mit Hartmut Geerken, Literaturhaus Basel, Freitag, 23. März 2001
transkribiert & herausgegeben von K. D. Thiel, Februar 2005, 36 S.
Dokumentation der ebenso unwahrscheinlichen wie vergnüglich lehrreichen Begegnung von mindestens zwei großen Unbekannten der deutschen Gegenwartsliteratur. Vergriffen
22 MaRaBu
à l’occasion du 13th International Sun Ra Convention, may 2006
Mai 2006, 32 S., Ill. – Englisch. Mit Übersetzung zweier Grotesken v. Mynona
23 Gong Du Ra ?
The 13th & 14th International Sun Ra Conventions, Wartaweil 2006, Marsa Alam, Egypt 2007. A Substribute for the Cantzelled 2008/09 Sun Ra Circumventilations (the idea of it all)
2010, 28 S., Ill. – Englisch. Mit Übersetzung dreier Grotesken v. Mynona

In Vorbereitung:
Die Shadoks
1970, 70 S. Typoskript mit zahlreichen Illustrationen in Bleistift und Buntstift. Ein Kinderbuch? Ja, aber eins nicht nur für Kinder, sondern von einem Kind!

Format 14,8 x 21 cm, 7 Euro (+ Versandkosten, wo nicht anders angegeben)
Zu beziehen durch: Klaus Detlef Thiel, Thorwaldsenanlage 53, 65195 Wiesbaden
thiel.detlef@t-online.de


Mittwoch, 16. Oktober 2013

Bengt Emil Johnson

Foto: © Hans Erixon


Die Landschaft hat sich in der Regel langsamer als der Mensch verändert. Dem ist nicht länger so. Verschiedene Eingriffe verwandeln die Biotope, entstellen die Proportionen von ihren Mustern. Was tun wir, wenn inneres Muster und äußere Landschaft für immer sich unterscheiden? 

Es ist Abend geworden: wir sind auf den Berg hochgefahren, um Eulenbruten auszuhorchen. Wir parkieren da, wo sich der Weg verzweigt. Und schon hören wir die Schreie hungriger Waldohreulen aus verschiedenen Richtungen.

Eine Elchkuh äst zehn Meter neben dem Auto, ein Auerhahn bricht los, ein Schnepfenhuhn huscht vorüber. Die Strasse entlang flitzt ein Hase, auf der anderen Seite kommt zwischen den Bäumen ein Rehbock und schlägt Alarm, lange und ausdauernd. 

All dies ereignet sich im Verlauf weniger Minuten – und kommt einem falsch vor: In meinem Muster verbinden sich Warten, Augenblicke der Stille, mit langen Perioden der Ereignislosigkeit. 

Es ist wie eine von einem Spielleiter gestaltete Show, es ist wie Fernsehen. Oder wie an einem Grenzposten, zwischen aufgescheuchten Reisenden, die nicht genau wissen, wie ihre Destination lautet. 

Textpassage aus Zuhause von Bengt Emil Johnson. 
Aus dem Schwedischen übersetzt von Lukas Dettwiler.

Mittwoch, 2. Oktober 2013

Subnormale Tonbandstimmen



Heinz Ludwig Friedlaender, geboren 1913 in Berlin, Sohn des Philosophen und Schriftstellers Salomo Friedlaender/Mynona, Abitur 1933 in Berlin, emigrierte im Herbst desselben Jahres kurz vor seinen Eltern nach Paris. Ab 1939 in französischen Lagern, entkam er in die Schweiz, wo er weitere Jahre interniert war. Nach Kriegsende kehrte er in die Wohnung seiner Eltern zurück und lebte dort, nach deren Tod, allein und in ärmlichen Verhältnissen. Er starb 75-jährig im Jahr 1988. Sein Tod blieb mehrere Tage unbemerkt. Bei seiner Beerdigung auf dem Friedhof Pantin in Paris waren alle seine Freunde anwesend: es waren fünf, und sie waren aus Deutschland angereist.
In seinem Nachlaß fanden sich, außer Papieren und Büchern seines Vaters, ungewöhnlich viele Taschen, Koffer und eine Kiste. Er hätte jederzeit sein gesamtes Hab und Gut darin verpacken können. 
Emigration – Leben als Provisorium, das sich nicht mehr aus diesem zeitweiligen in ein sicheres und beständiges Leben zurückführen ließ.
Ein Schicksal unter unzähligen, die unbekannt geblieben sind. Ein verpfuschtes Leben, wie Heinz Ludwig Friedlaender das selbst bezeichnete. Es ist das Schicksal eines der zahllosen Emigrantenkinder. Durch die Strapazen und Leiden der Internierung und der Flucht vor den Deutschen psychisch und physisch zerstört, gelang es ihm wie vielen seiner Leidensgenossen nicht mehr, im fremden Land Fuß zu fassen, heimisch zu werden. Die verbliebene Kraft reichte kaum aus, die fremde Sprache richtig zu lernen. Innerlich gebrochen, fehlte der Mut, ein neues Leben zu beginnen und die Entscheidung, wieder nach Deutschland zurückzukehren, fiel verständlicherweise schwer. Wir besichtigten ein Altersheim am Ammersee und waren geschockt von dem tristen kleinen Zimmer, das man ihm anbot: er lebte schöner und freier in Paris. Heinz Ludwig Friedlaender schob die Entscheidung, wieder nach Deutschland zu ziehen, vor sich her bis zu seinem Tod.
Sigrid Hauff
(Textauszug aus mimas atlas # 15)
Heinz Ludwig Friedender, Gespräche
Seltene Tonbanddokumente mit Heinz Ludwig Friedlaender, geführt von Hartmut Geerken in den 1980er Jahren in "Heilus" Pariser Wohnung und in Herrsching am Ammersee. Über 6 Stunden Gespräche mit Heinz Ludwig Friedlaender, Hartmut Geerken, Sigrid Hauff und Romuald Karmakar. Texte von Geerken, Hauff und Detlef Thiel. Fotodokumente von Friedlaender und eine Originalzeichnung von Hartmut Andryczuk. 

Freitag, 27. September 2013

Top Guardiolarisierung


"Ich halte mich nicht für einen super super super Trainer und bin sehr froh, eine top top top Mannschaft wie den FC Bayern trainieren zu dürfen.
Ich habe Kalle und Matthias gefragt, ob ich phantastic Thiago kaufen kann, da er ja verkauft werden möchte und sie haben mir rotes grünes grünes Licht gegeben.
Mario ist auch ein sehr sehr sehr guter Spieler und natürlich, wenn ein guter Spieler wie Gomez spielen möchte, dann riecht er es, dass er vielleicht kein sehr sehr sehr guter Spieler für den FC Bayern ist.
Ribery hat mir im Supereurosupercup den Kopf geküsst nach seinem phänomenal Tor und ich bin sehr happy happy glücklich hier zu sein mit all diesen top top top Spielern, die wie Robben ein super super Geschenk für mich sind. Ich liebe München und diese sehr sehr sehr intelligente Stadt, die so unglaublich ist wie meine top top top Spieler, die ich sehr sehr sehr liebe. Philipp ist ein sehr kluger kluger Spieler, top top intelligent wie Messi, aber nicht so autistic. Basti ist eine große große Personality. Das Sytem tic hin taca her ist egal. Ich liebe es sehr sehr anzugreifen aber auch zu verteidigen. Ich bin top top glücklich..."

Mittwoch, 18. September 2013

Bibliophilie und Medienkunst


Der Hybriden-Verlag und Hartmut Andryczuk sind am Donnerstag, den 19. September 2013 zu Gast bei der Pirckheimer Gesellschaft, Regionalgruppe Berlin-Brandenburg. 
Die Veranstaltung findet im Kleinen Säulensaal der Zentral-und Landesbibliothek Berlin, Breite Straße 30-36, Berlin-Mitte statt. Beginn ist 19 Uhr. Verkehrsverbindung: U-Bahnhof Spittelmarkt.

Themen des Vortrags: 

Das Hybriden-System – Solypse / Charmante Schamanen – Performances in der Provinz – Antonin Artaud, Konrad Bayer, Velimir Chlebnikov – Distributionen: Kretschmner & Großmann – Visuelle Poesie – Neofuturisten – Netzwerke (Korrespondenz-Kunst, Zusammenarbeit mit Galerien, Daten-Messie-Blog) – Kosmografien – Permutationen und interdisziplinäre Verflechtungen – Periodika: Unikatmaschine, MMM-DIARIUM, Vokabelkrieger – Medienkunst: "mimas atlas" und "Elektronikengel" – Künstler, Autoren, Wissenschaftler – Gegenwärtiges  Projekt: Odenwald-Odyssee (Logbuch und Enzyklopädie) – Jäger und Sammler

Ausgestellte Editionen:

Ulrich Woelk, Die Einsamkeit des Astronomen – Fragmente
Velimir Chlebnikov, Weltsprache oder Weltkrieg
Vokabelkrieger VII Glück
Hartmut Andryczuk, Kniphofia obscura
Herman de Vries, the walls of marrakech
Valeska Gert, Bewegte Fragmente
Wolfgang Müller, Plasmabrocken – Die Kunst der Zukunft
Hartmut Geerken, Orpheus
Djinn der Nordsee 
RITUALWORT – Literaturvideos
MMM–DIARIUM 4/2007 "1 Friedhof"
Felix Martin Furtwängler & Hartmut Andryczuk, 13G

Links:

http://www.pirckheimer-gesellschaft.org

http://www.zlb.de/kalender-detail.html?sw=1&tx_keyac_pi1%5BshowUid%5D=58&tx_keyac_pi1%5BshowCal%5D=1&tx_keyac_pi1%5BbackPid%5D=1&cHash=054380ac4a1fb871d5b9b297d5e8aa19

Aktualisierung – Text im Blog der Pirckheimer-Gesellschaft:

http://pirckheimer.blogspot.de/2013/09/bibliophilie-und-medienkunst.html

Donnerstag, 12. September 2013

Heute: Sex im Alter


Die „Odenwald-Odyssee – eine Art Logbuch“ geht in die letzte Runde. Noch sind ca. 100 Blätter bis zum Ende des Projekts zu produzieren. 257 Blätter sind bisher in einer täglichen Produktionszeit von je 45 Minuten angefertigt worden. Das ergibt bisher eine Produktionszeit von 11565 Minuten. Das sind etwa 192 Stunden bei einem Stundenlohn von 50 Euro, also 9600 Euro. 

Das Thema in den letzten beiden Tagen war: Sexualität im Alter. Unter „Altersexualität“ finde ich einen Wiki-Eintrag zu Sex in Pflegeheimen: 

„Lange Zeit war und ist es auch heute noch üblich, dass in Pflegeheimen lebenden älteren Menschen das Ausleben einer normalen Sexualität abgesprochen oder durch restriktive Heimordnungen untersagt wird. So ist es in etlichen Altenheimen Usus, gegenseitige Besuche von Männern und Frauen auf ihren Zimmern zu untersagen, um damit Situationen zu verhindern, in denen eine intime Beziehung gelebt werden kann. Häufig sind Pflegekräfte nicht dafür geschult, mit Fragen zur Sexualität oder zur eventuellen Unterstützung mit Hilfsmitteln umzugehen; die eigenen Moralvorstellungen, eigene Probleme mit der Sexualität, eventuell Ekel und Unverständnis überlagern oft einen möglichen toleranten und offenen Umgang mit der Sexualität der Patienten oder Bewohner. Schulungen und Weiterbildungen sollen speziell im Bereich der geriatrischen und gerontopsychiatrischen Pflege ein neues Verständnis für die Alterssexualität schaffen, um den Umgang mit kritischen oder übergrifflichen Situationen in diesem Zusammenhang zu verändern, da dieser Aspekt des menschlichen Bedürfnisses nach Nähe und Intimität pflegerisch in den letzten Jahren vielfach anders gewertet und gewichtet wird, als in den vorangegangenen Jahrzehnten.Teils gelangen Situationen in die Medien und führen zu Initiativen, die ein Zusammenleben von Alten gesetzlich verankern wollen.“
Weitere Informationen zum Thema:

Dienstag, 3. September 2013

Kunsttiefschule

Bei einem kleinen Messe-Lagerkoller
beginnt man folgende Texte zu schreiben

Guten Tag, mein Name ist Wilfried Hansen. Ich bin der Sohn des berühmten Physikers Rasmus Hansen. Aufgewachsen bin ich in den großbürgerlichen Bezirken von Oslo. Den Herrn Breivik kannte ich nur vom Sehen in der Parallelklasse. Ein Bekannter war im gleichen Schützenverein wie er.
Studiert habe ich "freie Kunst" in der Kunsttiefschule in Trelleborg - leider ohne Abschluss. Danach absolvierte ich ein Praktikum in einer französischen Webdesign-Firma und erwarb die firmeneigene Domain visage-libre.com für 10.000 € - in der Hoffnung auf eine Festeinstellung. Aber leider übernahm mich die Firma nicht. 
Ich übersiedelte nach Deutschland und wohnte in der Nähe des Ammersees in einer kleinen Scheune. Dort begann ich zu schreiben und bewarb mich dann für den Ingeborg-Bachmann-Preis, den ich nicht gewann. Sämtliche Stipendien für die ich mich als Autor bewarb, bekam ich nicht. Auch nicht den kleinsten Literaturpreis. Als Bewerber für den Mainzer Stadtschreiber belegte ich den 3590. Platz. 
Da es also auch nichts mit der Schriftstellerei wurde, bewarb ich mich in den folgenden Jahren als Teppichreiniger, Art Director für die Art Basel, Fahrradkurier, Verkäufer im Apple Store Berlin und München und als Datenauswerter bei diversen Teilchenbeschleunigern. Für all diese Tätigkeiten wurde ich nicht für einen einzigen Tag eingestellt. Dennoch bin ich nach wie vor voller Tatendrang - egal, ob ich begabt bin oder nicht. Meine Natur ist es einfach, optimistisch zu sein.

Donnerstag, 29. August 2013

Keine Karten, keine Kränze - und ganz viel Feuilleton

Figur 266, Blatt 242

"Vor drei Jahren noch war ich ein winziger Punkt in einer Punktwolke, reine Mathematik, kein Individuum, das hatte mir gefallen. Jetzt weiß ich nicht mehr. Keiner weiß."

Arbeit und Struktur, 28.3.2013

Google-Einträge & Suchbegriffe:

"Herrndorf": 865.000 results in 0,23 seconds
"Herrndorf tot": 198.000 results in 0,34 seconds
"Herrndorf Hohenzollernkanal" 69 results in 0,17 seconds

Stand: Donnerstag, 29. August, 19 Uhr 39




Samstag, 24. August 2013

Es Peh Deh

Das Wir entscheidet - Reform der Reform jetzt!


Die SPD hat in ihrem Wahlkampf ihre linken Wurzeln wiederentdeckt. Mindestlohn, Reichensteuer light, Steuergerechtigkeit, Bankenregulierung etc. "Das Wir entscheidet". 
Mit den Grünen in der Koalition wird diese Gesellschaft wieder gerechter. Dem Daten-Messie fällt es schwer das zu glauben. Warum sollte ausgerechnet eine Regierung, die noch vor einigen Jahren für eine unsoziale Politik stand und die asozialen Hartz-4-Gesetze erlassen hat, nun eine soziale und gerechtere Wende in dieser Gesellschaft bringen? Und das mit dem Slogan einer Leiharbeitsfirma? 
Die SPD hat einen Kanzlerkandidaten, die niemand als Kanzler wirklich will und den die Mehrheit in dieser Gesellschaft nicht glaubt. Ein Kandidat, der „klare Kante“ redet und den Banken „die Levithen lesen will“. Bankenvorstände, Wirtschaftsverbände und vermutlich auch Hedge-Fond-Manager haben aber bereits schon lange seinen Unterhaltungswert erkannt und ihn seit Jahren gebucht. Peer Steinbrück, Hardliner und Pragmatiker unter Gerhard Schroeder, Freund des unsäglichen Ex-Superministers Wolfgang Clement, will jetzt die Führung in diesem Land übernehmen. Was in der gemeinen Rezeption zu seiner Person als authentisch und ehrlich gilt, ist vielleicht einfach nur undiplomatisch und unklug. Das gewöhnliche und unangenehme Herrenreiter-Gehabe sendungsbewusster Politiker?
Bleiben noch die Grünen als Koalitionspartner. Zu denen hat Jutta Dittfurth in den letzten Jahren die beste Aussage geliefert: „Unsympathischer als die Grünen sind nur noch ihre Wähler.“ Was soll man also dieses Jahr wählen? Am besten nichts? Oder vielleicht etwas Exotisches: Erststimme DKP, Zweitstimme CDU - oder umgekehrt?

Donnerstag, 22. August 2013

bird of gongs



am 15. juni 2006 stand ich um 4 uhr morgens inmitten meiner metallidiofone in meinem garten es war eine wolkenlose nacht der mond war fast voll die geräusche des sees & eines leichten winds hoch fliegende long-distance-flights in verschiedene richtungen ein heller satellit ungewöhnlich schnell von südwesten nach nordosten ab & zu ein lkw auf der entfernten strasse ich warte auf die ersten vogelstimmen insekten fliegen nahe am mikrofon vorbei ich hatte manche gongs so gehängt dass sie vom wind bewegt sich klingend berühren konnten je weiter die zeit fortschreitet desto intensiver werden die vogelstimmen & die gongs  vögel & gongs scheinen sich zu mögen vogelstimmen insistieren auf unterschiedlichen rhythmischen strukturen gongs klingen aus bis zur unhörbarkeit (im gegensatz zu kirchenglocken) es ist so als ob manche vögel vom klang der gongs angezogen würden eine amsel lässt sich keine zwei meter über mir auf einen ast nieder & wird zur solistin (ich erinnere mich dass die nachtigallen plötzlich anfingen laut zu jubilieren als in den bombennächten meine geburtsstadt von lauten detonationen erschüttert wurde)

Hartmut Geerken

Die Edition ist gerade im Hybriden-Verlag erschienen. Heft mit CD und Originalcollage von Hartmut Geerken. Audio-CD (1:01:47). Limitierte Auflage von 25 Exemplaren.

Dienstag, 13. August 2013

Philippe Barcikowski

Philippe Barcikowski (1964 – 2013)


Philippe Barcikowski ist ein Künstler, der ein Einsiedlerleben am Rande von Paris geführt hat und nie in seinem Leben ausgestellt hat. Die Bilder sind ungewöhnlich, irgendwie autistisch und verrückt, auf der Suche nach der perfekten Harmonie. Der Detailreichtum ist ungewöhnlich, ebenso wie die Farbintensität und ihr Nuancenreichtum. Für die Zeitschrift "Vokabelkrieger" werden zum Thema "Risiko" zwei oder drei Arbeiten reproduziert werden, die diese Landschaften zeigen - immer mit einem Straßenkreuzer im Zentrum. Alles in allem sehe ich mir drei Mappen an - Gesichterstudien, Landschaften, Farbkomositionen und immer wieder Fahrzeuge. Verschiedene Automodelle und auch Traktoren oder Baufahrzeuge. Philippe Barcikowski war nach den Worten seiner Schwester Helena anspruchsvoll in seiner Kunst, kompromisslos und unversöhnlich. Trotz ihres Detailreichtums sind diese Bilder seltsam starr und dramatisch, obwohl sie oberflächlich an naive Malerei erinnern. Ein autistischer Henri Rousseau im 21. Jahrhundert? Im Internet findet man noch kaum etwas über Philippe Barcikowski, der in diesem Jahr an der seltenen Krankheit ALS verstarb. Eine Notiz findet sich in einer französischen Galerie. Weitere Ausstellungen sind jetzt geplant. 

http://www.sudouest.fr/2012/11/26/les-oeuvres-atypiques-de-philippe-barcikowski-889796-4171.php

Samstag, 10. August 2013

Kein Auto, keine Beine



Am Hauptbahnhof Hildesheim schrie eine Frau die ganze Zeit eine Gruppe von Taxifahrern an: "Du Arschloch, du blödes Arschloch. Die Frau war amputiert und ihr habt sie nicht mitgemommen." Das Taxi war ein größeres Auto, ein Transporter. Aber wer von dieser Gruppe war gemeint. Der Fahrer? Der Beifahrer? War das ein Krankentransporter? Halbherzig versuchte man die Frau zu beruhigen, aber die brachte sich noch mehr in Rage. "Du blödes Schwein. Die arme Frau hat keine Beine mehr und ihr habt sie nicht mitgenommen." Der Streit drohte zu eskalieren. Kam es jetzt zu Handgreiflichkeiten? Noch einige Male wiederholten sich die Beschimpfungen, immer etwas lauter. Jetzt drohte auch ein Taxifahrer mit Prügel. "Du alte Schlampe. Halt endlich das Maul." Dann wieder die bekannten Ausfälle der Frau: "Fick dich, du dummes Schwein. Die Frau konnte nicht mehr laufen und ihr habt sie dagelassen." Andere aus der Gruppe mussten den Beleidigten zurückhalten, der auf die Frau losgehen wollte. Die Frau war nicht mehr jung und es ist schwer zu sagen, ob sie alkoholisiert, psychisch krank war oder einfach nur Recht hatte. Dann stiegen die Männer ein, der Transporter fuhr fort und die Frau fluchte noch einige Male laut und einsam und machte sich dann auf ihren Weg. Auf dem Parkplatz wurde es wieder still. Viele hatten die Szene neugierig und aufmerksam betrachtet ohne zu verstehen, worum es eigentlich ging. 

Sonntag, 28. Juli 2013

too much of nothing

Ein anderes Poem von Egon Günther, abgeschrieben
und mit einer Zeichnung von H.A. zur "Odenwald-Odyssee"

von allem zuviel
nur die luft wird
bald knapp
von allem zu wenig
nur die halde
wächst und wächst
von allem etwas
doch nichts
macht mich an
von nichts kommt 
nichts
aber nichts kann
auch sehr viel sein
zu viel davon
kann einen leicht
krank machen
und auf 
abwege 
bringen
etwa den Erlöser
schmähen lassen
oder noch schlimmeres

Egon Günther

(Weilheim, 15. Februar 2008)

Gedicht zitiert aus SOUVENIRS & LEFTOVERS, Ostheim/Rhön 2008

Bücher von Egon Günther: