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Dienstag, 10. Juni 2014

Onkel Albert übersterbensgroß


Fanny, meine damalige Geliebte (dummer Ausdruck), ließ ihre vollschlanken Beine trillern: „Warum hast du das Auto verkauft? Können wir jetzt wenigstens ausreiten?“ – „Die Pferde mußte ich auch verkaufen“, – ich schlang diesen Seufzer wie ein Lasso um ihre zappelnden Füße. „Jetzt, was soll das?“ stoppte sie, „dein Erbonkel Albert ist doch schon siebenundneunzig Jahre. Kannst du keine Hypothek auf ihn ziehen?“ Sie trillerte weiter. Sie unterschätzte Onkel Alberts Vitalität, die um so erstaunlicher war, als er sich nie auch nur die allergeringste Mühe darum gegeben hatte. Während die ganze Welt, selbst beträchtlich unjunge Leute durch Mensen-Dickunddünn gingen, sich auf Mord trainierten, hatte Onkel Albert sich von Kindes-O-Beinen an wie absichtlich verhutzeln lassen; er hatte sich so mickerig gemacht, daß es dem Tod nicht lohnte. Jedenfalls war ich sein einziger Erbe, als solcher nicht schlecht gestellt. Ich wenigstens hatte mich nach jeder Richtung trainieren können. Aber Fanny und ihre Vorgängerinnen taten immer so, als ob ich den Onkel Albert längst beerbt hätte; und schließlich war mir der dahintergekommen. Er drohte mit Enterbung, wenn ich mich nicht einschränkte. So daß ich grade überlegte, ob ich Fanny nicht abschaffen ...

„Ein Telegramm!“ Fanny nahm es dem Diener ab, riß es auf: „Hurra!“ schrie sie und kitzelte den Kronleuchter mit der Fußspitze, „Onkel Albert ex! Wir erben!“ Onkel Albert berief mich tatsächlich an sein Sterbebett. Eine Stunde später lag ich im Abteil. Fanny, die durchaus mitwollte, hatte ich fast unsanft abgewehrt. – Schon am selben Abend saß ich an Onkel Alberts Lager. War diese Ruine von Mensch jemals lebendig gewesen? Hier konnte der Tod nichts mehr demaskieren. Aber das Skelett murmelte, murmelte. Zuerst hörte ich gar nicht drauf hin. Denn gut, er würde rasch tot sein. Kriegte ich dann seine Millionen? Plötzlich wurde ich hellhörig; er röchelte ’was vom Testament: „Sonst enterbe ich dich,“ sagte er, „der Notar kommt jeden Augenblick. Mit der Behörde ist es schon vereinbart ...“ – „Wiederhol’ mir’s nochmals, lieber Onkel, ich fasse noch nicht, daß du –“ Ich mimte Schluchzen. „Ei Schock,“ schnarchte Onkel Albert, „an deiner Stelle würde ich mich freuen. Wenn du mich doch so sehr liebst, kann es dir nur desto angenehmer sein, mich zu konservieren.“ Himmel, was wollte er? „Wiederhol’ mir’s, lieber Onkel, was meinst du?“ „Junge,“ schrie er plötzlich auf, um die Stimme sogleich tief sinken zu lassen, „mein Leben versäumt ... beinah’ ein Jahrhundert! Ich Mißgeburt! In Häßlichkeit leben und sterben ist das Allerschlimmste. Seele, pfui! Seele ist nur Ausrede der Häßlichen vor der Schönheit. Meine Rückgratsverkrümmung, meine O-Beine! Nie getanzt, geschwommen, geflogen, geturnt. Nie gelebt. Für meinen Kadaver deshalb nie ’was getan. Kaum gebadet, kaum Odol genommen – auf Ehre! – ... Nie gegirlt wie du! Ohne diesen Neid auf dich, auf alle diese raffiniert kosmetischen, mondänen, durchtrainierten Leiber wäre ich mindestens hundertfünfzig Jahre geworden ...“ (hier brach mir der Angstschweiß hörbar aus) ... „aber posthum will ich desto schöner werden. Unter der Bedingung, daß du meinen Leichnam genau nach Art der modernsten Lebenstechnik immerzu pflegst, wirst du mein“ (hier hüstelte das alte Scheusal lächernd) ... „mein Leib-Erbe. Du kriegst meine Millionen nur, wenn du mich nicht nur konservierst, sondern meinen Leichnam vom Orthopäden, Friseur, Zahnarzt, Präparator, Marionettenfabrikanten usw. usw. scheinlebendig in allermodernster Art machen läßt. Meine Spezialwünsche sind schöne Nase, schöne grade Beine, blonde Perücke, feinste, der jedesmaligen Gelegenheit entsprechende Garderobe. Du nimmst mich selbstverständlich überall hin mit, aufs Rennen, in die Theaterloge, auf Reisen ... Und dein Mädel wird wenigstens zum Schein auch meines sein ...“ Er röchelte. Der Notar erschien, bevor ich zur Besinnung kam. Er hielt ein demgemäßes Testament zur Unterschrift bereit. Onkel Alberts Lebenslicht flackerte letztlich hell auf. Der Notar hielt ihm die Hand, die ordentlich mit Schwung unterschrieb. Onkel Albert fiel entseelt (leider nicht entleibt) ins Kissen. Der Notar sagte: „Nun? Natürlich willigen Sie ein! Die Überwachung liegt mir ob. Wir lassen den Konservator kommen.“ Zunächst wurde Onkel Albert gut ausgestopft, aber so, daß er geschmeidig blieb. Dann bekam er das feinste Gebiß, eine wundersam blonde Frisur, Glasaugen von feurigstem Blau zum Rollen, Auf- und Zuklappen. Er ähnelte Poincaré. Man bog ihn zur Normalfigur, transplantierte ihm streng kosmetisch behandelte Haut, eine blendende Nase. Seine Garderobe war comme il faut. – – – Das Leben mit dieser Marionette machte Fanny tollen Spaß. Sie tanzte, schwamm, ritt mit ihr. Ja, ich will es gestehen. Es wurde der seltsamste Fall Nekrophilie. Oder bin ich nur eifersüchtig? Sie bevorzugte diese Totenpuppe. Und eines schönen Tages mußte man steckbriefen. Fanny war mit dem Alten auf und davon. Man ertappte beide auf Norderney, als sie grade im Begriff war, die etwas fahlen Lippen Onkel Alberts zu schminken. Die braven Norderneyer hatten an Onkel Alberts Überlebendigkeit nie gezweifelt. Mir aber wurde zumut, als ob die Puppe über mich grinste. Ich zog meinen Browning und schoß ihr das linke Glasauge weg. Der Notar zwang mich später, es zu ersetzen. Fanny begnügte sich mit einer Onkel-Attrappe. Übrigens entnehme ich soeben dem Journal des Onkels, daß er ursprünglich aus Rache an seiner künftigen Leichenwäscherin niemals gebadet hat; sie sollte sich so recht mit ihm abrackern. Wären die Millionen nicht, würde ich herzlich gern mit ihr tauschen ...

Salomon Friedlaender (1928)



Kommentare:

  1. Werd´ besser nicht mein Erbnehmer, H.A.!
    Du weißt jetzt,
    was dir blühen könnte.

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  2. Mit Wolvieh und seinem reinen Glasauge im Norderneyer Spielkasino seine Millionen verprassen.

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