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Dienstag, 14. Januar 2014

Der Grünspecht 1955


Der Grünspecht
Da kommt er geflogen. In schnellen und schnittigen Zügen überquert er in seinem Wellenflug die sonnige Waldlichtung. Da sieht er am Waldrand einen alten, halbverrotteten Baumstumpf und fliegt darauf zu. Schon hört man sein bekanntes Klopfen. Hier ist er in seinem Reich! Die Späne fliegen, da ist eine Spinne, die klebrige Zunge schnellt heraus, und schon ist das kleine Insekt in seinem Schnabel verschwunden. So geht es all den kleinen Kreaturen, die vor seine Augen kommen. Nun scheint er genug zu haben und schwingt sich ab. Er hinterläßt eine Menge Späne, die alle um den Baumstumpf liegen. Das heißt man eine Spechtschmiede.
Der kleine Waldzimmermann überfliegt jetzt eine Schonung. Zwischen den jungen Tännchen entdeckt er einen kleinen Hügel von ungefähr einem Meter Höhe. Es ist die Burg der roten Waldameise. Vorher hat er schon genug gefressen, aber dieser Lockung kann er nicht widerstehen. Hastig stürzt er darauf zu und fängt auch schon an, in dem Ameisenhaufen herumzuhacken. Er frißt alles, Ameisen, Puppen, Larven und Eier. Das ist ein Schmaus, so etwas bekommt er nicht alle Tage.
Nun erst kann man seine Gestalt und seine Färbung richtig erkennen, denn ein Sonnenstrahl bricht durch das Laub und trifft den fleißigen Kerl bei seiner Arbeit. Der Schnabel ist sehr stark und kegelförmig. Der Kopf und der Leib sind gestreckt, die Füße kurz. Der Körper, die Flügel und der Schwanz sind olivgrün bis gelb, die Flügel dagegen sind noch mit etwas braun verwaschen. Auf dem Kopf hat er ein lustiges rotes Käppchen.
Nun hat der Specht auch von seiner Lieblingsspeise genug. Er fliegt weiter, um sich in der warmen Mittagssonne ein schönes Plätzchen auszusuchen, auf dem er sich ausruht, um für weitere Taten gerüstet zu sein.

(Hartmut Geerken in der Sonntags-Zeitung der Südwest-Presse, Tübingen, Nr. 21, 7. Jg., 22. Mai 1955)

Freitag, 3. Januar 2014

"A London-based lawyer"

Bitte 12 Millionen Dollar unter der
Nummer +44 701 290 8202 abholen
Dear Friend,

I am David Douglas, a London-based lawyer affiliated with HSBC bank here
in London. I contact you concerning a client who shares the same last name
with you. My client died of heart attack in May 2011 after the earthquake
and tsunami that struck Japan in March of 2011. My client deposited the
sum of $12,500,000 dollars with HSBC Bank in 2010. All relevant documents
to back up the claims will be made available to you prior to your complete
acceptance to cooperate with me and I shall let you know what is required
of you.  Thank you very much for your understanding. I await your reply
for us to proceed.

Mittwoch, 1. Januar 2014

Zwischen den Jahren: Infrarot-Sauna mit TV-Monitor

Weihnachten neben einem klösterlichen Grundstück

1. Die Sehnsucht nach allumfassender Harmonie in den Weihnachtstagen erträgt die Harmonie nicht. Sie bricht unter der Last der Erwartungen zusammen. Daher die vielen Streitereien an den Feiertagen, die Missstimmungen, Beleidigungen, Familienkrisen. Und alles mit vollem Bauch, überfressen und oft auch besoffen. 
2. Silvester steht da ebenfalls unter Erwartungsdruck. Bilanzen werden gezogen, Erwartungen geweckt. Laute Sentimentalitäten, enttäuschte Gesichter, überdrehte gute Laune mit ein wenig Kriegsromantik ab 0 Uhr. 
3. Neujahr dann die Katerstimmung und die Erkenntnis: „Das Neue beginnt so, wie das Alte geendet hat“. Heute dann bei einem Spaziergang die Schlagzeile: „Die Welt betet für Schumi“. Wird er uns erlösen, wenn er aus dem Koma erwacht?
4. Zwischen den Jahren war der „Daten-Messie“ verreist. Panorama-Hotel, Warnitz in der Uckermark, der Heimat von Mutti Merkel. In einer Internetbewertung des Hotels konnte man lesen, dass Botho Strauss sich hier angesiedelt hat. Vielleicht trifft er ja Mittwochs Durs Grünbein zum Tee und sie beklagen den Niedergang der deutschen Literatur oder diskutieren darüber, wie man in Zukunft verhindern kann, dass der Leser ein Rilke-Plagiat bemerkt.. 
5. „The Tree of Life“ von Terence Malick im TV am zweiten Weihnachtsfeiertag. Ein Film wie ein sich schnell abnutzender Ohrwurm (z.B. von Coldplay). Großartige kosmologische Naturszenen und unglaublich peinliche Flüsterstimmen, die aus dem Buch Hiob zitieren. „The Tree of Life“ wurde für „spirituell“ gehalten. Dagegen ist „Melancholia“ von Lars von Trier der eindeutig bessere und „spirituellere“ Film.
6. Wellness-Abteilung im Panorama-Hotel. Alles sehr gut. Drei Saunen, Eisgrotte, drei Ruheräume. Einer mit 3D-Fernseher und Game-Controller. Sogar ein Monitor an der Wand der Infrarot-Sauna. Direkter Zugang zum Steg. Befremdlich nur die Himmelbetten im Ruheraum. Wie in einem Swinger-Club. 
7. Die „Odenwald-Odyssee“ endete am Samstag, den 29. Dezember um 14 Uhr 36 mit der Figur 397: „Wellness-Weib beim Hatha-Yoga“. Am Nikolaus-Tag hat der Rowohlt-Verlag Wolfgang Herrndorfs „Arbeit und Struktur“ als Buch veröffentlicht. Bei Amazon gibt es ca. 25 Leser-Rezensionen. Was ich nicht wusste: war, Herrndorf besass diese Waffe, mit der er sich Ende August am Hohenzollernufer erschoss, schon seit einigen Jahren.Er schrieb, dass er zusammen mit seinem Mac Book nie einen schöneren Gegenstand besessen hatte. 

Mittwoch, 18. Dezember 2013

usbstick in sicheren händen


ort: flughafen antalya/türkei sicherheitskontrolle
zeit: 14. dezember 2014, ca. 04:15 uhr morgens
bei der sicherheitskontrolle lege ich meine habseligkeiten aus den taschen in eine box. meinen anorak obendrauf. in eine mulde in der kapuze des anoraks lege ich meinen schlüsselbund und meinen usbstick, den ich immer in meiner hosentasche bei mir trage. es ist eine sicherheitskopie mit dem inhalt meiner festplatte. die mulde habe ich extra gemacht, damit nichts herausfällt. schlüssel und stick liegen sicher darin wie die eier in einem vogelnest. -  meine sachen laufen in die röntgenmaschine und ich gehe durch die schleuse. es piepst. ich muss nocheinmal zurück und meine stiefel ausziehen. es piepst nicht mehr. ich ziehe meine stiefel wieder an. ich will schlüssel und stick als erstes in die hosentasche stecken: der stick fehlt!!! ich sage es einer der sicherheitsbeamtinnen. sie zuckt die schultern. ich werde bestimmter. die beamtin sagt in stockendem englisch, sie habe nicht gesehen, dass ich den stick in die box gelegt hätte, so könne ich auch nicht behaupten, dass der stick fehle. ich beharre aber darauf. eine junge beamtin, die für die boxen vor der maschine zuständig ist, tut unschuldig, zuckt die schultern, kann offensichtlich kein englisch oder tut nur so. schliesslich suchen mehrere beamte auf & unter der maschine nach dem stick. erfolglos. ich gehe protestierend durch die schleuse hin & her. -  ein mir fremder junger herr betritt die szene & sagt, er habe gesehen, wie die junge beamtin den stick einem anderen beamten zugeworfen habe & dieser sei nach hinten verschwunden. den stick beschrieb er als silbern, was stimmte. ich werde bestimmter & fordere die beamtin auf türkisch auf, unverzüglich dafür zu sorgen, dass der stick wieder auftaucht. ich sage ihr, dass wir einen zeugen hätten, der gesehen habe, wie der stick von der jungen beamtin einem anderen beamten zugeworfen worden  und der dann nach hinten damit verschwunden sei. die beamten wechseln worte, auf die ich aber nicht achte. schliesslich geht einer nach hinten, kommt nach kurzer zeit mit dem stick zurück & übergibt ihn erst der beamtin, dann die beamtin mir. sie sagt der stick sei wohl heruntergefallen und sie hätten ihn dem chef gebracht. aber warum taten sie dann alle so, als ob sie nach dem stick suchen??? - schlüssel & stick lagen so tief im 'nest' meines anoraks, dass der stick unmöglich herausgefallen sein konnte. der jungen beamtin an der box sah man ihr schlechtes gewissen an. erst nach bekanntwerden eines zeugen waren die beamten bereit, den stick mit einer faulen ausrede herauszugeben. ausserdem wäre es angebracht gewesen, angenommen der stick sei tatsächlich herausgefallen, die dort stehenden reisenden zu fragen, wem er gehöre.                                                                                      
h.g. 151213

Donnerstag, 5. Dezember 2013

insulae


In dem Feature 'insulae' von Hartmut Geerken werden drei Inseln akustisch vorgestellt, die geografisch und atmosphärisch nicht weiter voneinander entfernt sein könnten: die bekannteste ist das seit Jahrzehnten vom Tourismus bevölkerte Bali, die unbekannteste nannte Homer Ogygia; sie ist der südlichste Fels Europas, eine vergessene Insel mit nur 30 ständigen Bewohnern, 120 Meilen von der libyschen Küste entfernt, aber noch zu Griechenland gehörend, obwohl immer wieder auch die Türkei Territorialansprüche stellt. Im Staatsvertrag zwischen Griechenland und der Türkei wurde nämlich vergessen, diese Insel mit aufzunehmen. Man sagt, dass dort Kalypso gehaust und Odysseus jahrelang festgehalten habe.
Die dritte 'Insel' ist von besonderer Art. Der berliner Philosoph Salomo Friedlaender/Mynona schafft sich nach der Vertreibung aus seiner Heimat in den Jahren 1933 bis zu seinem Tod 1946 in einer winzigen Sozialwohnung in Paris und unter katastrophalen ökonomischen und politischen Verhältnissen seine eigene, nur auf seiner inwendigen Landkarte verzeichnete Insel. Er nennt sie 'ICH-Heliozentrum'. Friedlaenders Grundgedanke ist, dass sich jedes Individuum im Innern sein eigenes Sonnensystem erschaffen soll, analog dem der kopernikanischen Revolution in der Astronomie, denn der Einzelne, daher auch die Gesellschaft ist bis heute ptolemäisch ausgerichtet, mit der Erde im Mittelpunkt des Denkens.  Dies soll sich ändern, indem jeder Einzelne seine eigene innere Sonne kultiviert, um die der ganze planetarische Alltag zu kreisen hat. Alles Äußere würde sofort verbrennen, wenn es in die Nähe dieser inneren Sonne käme. Nur unter den Bedingungen des ICH-Heliozentrums sei der Weltfrieden garantiert, sagt Friedlaender, und nicht durch Staatsgrenzen, Parteien, Religionen, die zwangsläufig immer wieder ins Chaos münden. - In extremer Armut dahinvegetierend hat Friedlaender diesen Gedanken in unermüdlicher Frische sein Leben lang weiter entwickelt und wurde dadurch zu einer Art Insel inmitten der Unbilden von widerstreitenden Meinungen.
Diese drei durch Meer oder Gesellschaft isolierten Inseln werden in 'insulae' akustisch präsent durch aktuelle Aufnahmen von ungewohnt exotischen Geräuschen, durch hochkomplexe balinesische Musik, durch Stille und durch eine Stimme, die aus den Exil-Tagebüchern Friedlaenders aus den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts bestimmte Passagen artikuliert. Die Auswahl dieser Zitate blieb dem Zufall überlassen. Es sind kurze Sequenzen und Notizen die gerade erst vor wenigen Wochen aus den handschriftlichen Tagebüchern transkribiert wurden und bisher unveröffentlicht sind.
Schrille Aufnahmen vom Vorabend des balinesischen Neujahrsfests 'Nyepi' werden von Friedlaenders Sätzen tangiert, die in der stillen Atmosphäre eines Apollotempels oder der absoluten Abgeschiedenheit einer Schlucht auf der vergessenen Mittelmeerinsel gesprochen werden. Dadurch werden unterschiedliche akustische Räume wahrgenommen. Die Entfernungen der Inseln voneinander schrumpfen durch die Mischung ihrer jeweils typischen Sounds.
Verschiedene Formen von Glück gehören zum Thema. Ein balinesischer Gecko verheisst Glück, wenn er sieben- oder, noch besser, neunmal hintereinander seinen Ruf 'to-kee' vernehmen lässt. Die Isolation und Stille auf einem vergessenen Eiland und das Eingebundensein in die natürlichen Abläufe können, wenn man es zulässt, allumfassende Glücksgefühle hervorrufen. Und ein aus seiner Heimat verjagter Philosoph kann sich, sogar noch in akuter Lebensgefahr in eine Insel der Glückseligen hineindenken, auch wenn der Alltag dies für unmöglich erscheinen lässt.

Regie, Tonaufnahmen, Sprecher: Hartmut Geerken
Texte: Salomo Friedlaender/Mynona
Musik: Satya Brasta, Ubud, Bali

Mittwoch, 4. Dezember 2013

Von der Sylt Quelle zum Afrika Wunderhorn


Elektronikengels Botschaft # 7 - Von der Sylt Quelle zum Afrika Wunderhorn

Zu Gast ist Indra Wussow; Unternehmerin, Stifterin und Herausgeberin

Am Mikrofon: Hartmut Andryczuk

14 Jahre Sylter Inselschreiber - Literaturwissenschaft und Exportmanagement - Getränke und Granatäpfel - Importe aus Aserbaidschan - Kulturelles Zentrum Sylt - Sylt Quelle, Mineralbrunnen und Glaspavillon - Exklusives Mineralwasser mit höherem Jodgehalt -  Stiftung kunst:raum sylt quelle - Valeska Gert in Kampen - Eine nicht realisierte Gästebuchausstellung - Oliver Schmitz - Insel der Reichen und Schönen oder der Reichen und Doofen? - Gentrifiziertes Hörnum - Golfkurse und Direktflüge nach Schottland zu den wahren Links-Plätzen - Puppenstubenlandschaften - TUI Dorfhotel in Rantum - Ausstellung zur Militärgeschichte Sylts - Ein Jachtverein, der Herman Göring gedenkt - Flugboote im Rantum-Becken - Literaturautomat von SuKuLTuR - 1 Euro-Lesehefte bekannten Autoren - Johannesburg - Neue Formen von Kolonialismus - Kulturelle Klischees - Engagement und Selbstausbeutung - Afrika Wunderhorn, Literatur der Diversität - Helon Habila - Buchmesse in Lagos - Open City - National Arts Festival in Grahamstown - Kulturförderumg in Südafrika - No Gated Community - Armut und Reichtum in Johannesburg - Nairobi - Kibera, der größte Slum Afrikas - Mittelstand in Soveto - Vokabelkrieger, ein Künstlerbuch-Projekt  - Risiko und Grenzgänger 

2002 gründete Indra Wussow auf Sylt die von ihr geleitete private Stiftung kunst:raum sylt quelle. Die Stiftung fördert mit Stipendien, Ausstellungen, Aufführungen, Veröffentlichungen und Vortragsreihen Künstlerinnen und Künstler unterschiedlicher Nationen sowie den Dialog zwischen Wissenschaft, Kunst und Sozialem. 2008 eröffnete Indra Wussow eine Dependance der Stiftung in Johannesburg, das Jozi art:lab. Dort und auf Sylt begegnen sich seither auf Einladung der Stiftung regelmäßig westeuropäische und afrikanische Künstler und Schriftsteller, um an eigenen und gemeinsamen Projekten zu arbeiten. Zu den von Indra Wussow innerhalb der Stiftung ins Leben gerufenen Preisen gehören der Literaturpreis „Inselschreiber“ (unter den bisherigen Preisträgern u.a. Terézia Mora, Juli Zeh und Judith Kuckart), der gemeinsam mit der Zeitschrift Photonews vergebene „Sylt Preis für zeitgenössische Fotografie“ und der gemeinsam mit dem Goethe-Institut vergebene „Sylt Quelle Cultural Award for Southern Africa“, der Kultur und Soziales verknüpft.

Sendung im freien Künstlerradio reboot.fm am Samstag, den 7. Dezember 2013, 20 Uhr

88,4 MHz Berlin & Live-Stream: http://reboot.fm

kunst:raum sylt quelle: http://www.krsq.de/de/index.php

jozi art:lab http://www.jozi-artlab.co.za/en/index.php




Dienstag, 3. Dezember 2013

Biennale Buchkunst Weimar – I sold the nacked Nietzsche

Message to Dr. H.: I sold the nacked Nietzsche

Zum vierten Mal fand am Wochenende die Biennale Buchkunst Weimar statt, die im Jahre 2007 von Gudrun Illert initiiert wurde. Der Besuch war sehr gut, die Stimmung unter den Ausstellern ebenfalls, die Verkäufe zufriedenstellend. Der Oberbürgermeister der Stadt erklärte am Stand, dass das meiste Geld in den Kommunen für Standards ausgegeben werden würde. Also zum Beispiel nicht für den Bau eines neuen Radwegs sondern für das Gutachten zu einem neuen Radweg. 

Wie viel Geld hätte die Städten, Kommunen und Gemeinden ohne Gutachter und Anwälte zur Verfügung? Zum Beispiel für „bibliophile Kostbarkeiten, Originalgrafiken, Malerbücher, limitierte Handpressendrucke, Unikatbücher bis hin zu Buchobjekten von hoher künstlerischer und handwerklicher Qualität“ – wie die Stabsstelle "Kommunikation und Protokoll" der Stadt Weimar die 4. Buchkunst Weimar ankündigte. 

Besuche bei kleinen lokalen Messen sind immer inspirierend und man trifft dort neben Gleichgesinnten auch unerwartete Persönlichkeiten wie einen Anti-Gropius-Philosophen aus den USA. Manche Sammler sind inzwischen auch von den größeren Buchmessen wie Leipzig oder Frankfurt genervt und wenden sich den kleineren Veranstaltungen zu.

Was Weimar angeht, ist dort der Sammelort für Künstlerbücher die Anna-Amalia-Bibliothek und zur Buchkunst Weimar gab es im Vorfeld eine Art Preisausschreiben zu „Shakespeare“ - mit dem Ankauf der prämierten Künstlerbücher. Das muss man nicht mögen und daran braucht man sich auch nicht beteiligen. Für andere hingegen ist das vielleicht eine Chance, etwas Geld zu verdienen. Wie auch immer: Harry Graf Kessler hätte sich an solchen Projekten sicher nicht beteiligt. 

Dieser Eindruck soll aber nicht das Positive der Buchkunst Weimar schmälern. Hier ist dank Gudrun Illert etwas Gutes entstanden. Letztendlich sind es immer Menschen, die Projekte gestalten und fördern und nicht Institutionen, Kommunen oder Stiftungen.

Teilnehmer der 4. Buchkunst Weimar waren:
Tina Flau (Atelier Flau), Gudrun Illert (Atelier G), Andreas Hegewald (BUCHENpresse), Jens Henkel (burgart-presse), Sabine Golde (Carivari), Peter Zaumseil (Dreier Press), Henry Günther (Edition Balance), Rainer Ehrt (Edition Ehrt), Rolf Lock (Edition Lock), Reinhold Nasshahn (Einhand Presse), Frank Eißner (Frank Eissner Handpresse), Caroline Saltzwedel (Hirundo Press), Hartmut Andryczuk (Hybriden-Verlag), John Gerard (John Gerard), Christian Ewald (Katzengraben-Presse), Felix Martin Furtwängler (Privat-Presse-Berlin), Reinhard Scheuble (Quetsche, Verlag für Buchkunst), Peter Zitzmann (schPeZi-Presse), Bettina Haller u.a. (Sonnenberg Presse Chemnitz und Kemberg), Uwe Warnke (Uwe Warnke Verlag)

MDR-Trailer: Minute 7:58 bis 8:23
http://www.mdr.de/mediathek/suche/video163684_zc-485c01ae_zs-d23ba9ff.html

Buchkunst Weimar – Atelier G
http://www.illert.com/7.html

Dienstag, 26. November 2013

Sparkasse – Die Bank ist die Beschrankung aufgelegt

Sparkasse ohne ä, ö und ü

Heute erreichte den Daten-Messie folgende Mail. Die Spam-Filter der ehemaligen Tante Alice versagten wieder einmal. 
Verfasst wurde Sie von weanednf15@globe.gu.se mit dem Betreff: Auf Ihre Rechnung in Sparkasse. Die Bank ist die Beschrankung aufgelegt.

Der Daten-Messie ist entsetzt. Die Betrüger verwahrlosen immer mehr und geben sich keinerlei Mühe mehr.

"Sehr geehrter Benutzer,Sparkasse Die Bank pruft die Rechnungen der Kunden periodisch, Um die Gaunerei und\oder die ungesetzlichen Geschafte zu prufen und zu verhindern.Nach einem solcher Prozesse, auf Ihrem der Rechnung waren die verdachtigen Nichtubereinstimmungen gefunden.Damit die Unbequemlichkeiten, die fur Ihre Rechnung zutreffen, solche wie den Stop oder die Beschrankung zu meiden, bitte, fullen Sie die Form aus, um Ihre personlichen Daten zu prufen.Damit es zu machen, beladen Sie auch fullen Sie unsere Form aus. Sie konnen sie in der Anlage zum Brief finden."

Mittwoch, 13. November 2013

ISON


Ein Komet reist durch unser Sonnensystem und niemand erwartet jetzt den Weltuntergang. Warum eigentlich nicht? Die größten Katastrophen passieren doch immer, wenn niemand damit rechnet. Plötzlich crasht die Börse, schliessen die Banken über das Wochenende, explodiert ein Atomkraftwerk oder verwüstet ein Tsunami ganze Landstriche. Selbst die Verschwörungstheoretiker kommen da nicht nach. 
Der Komet Ison wurde im Jahre 2012 von den beiden Amateurastronomen Witali Newski und Artjorn Nowitschonok entdeckt. Wahrscheinlich stammt er aus der Oortschen Wolke. Anfang Oktober kam er dem Mars sehr nahe und Ende November nähert er sich bis auf 1,8 Millionen km der Sonne. Ob er dabei verglüht oder nicht – darüber kann man spekulieren. Ende Dezember ist es dann soweit; Ison nähert sich in der Nacht vom 26. auf dem 27. Dezember der Erde, –  nur noch lächerliche 60 Millionen Kilometer entfernt. Das ist weniger als ein astronomischer Katzensprung. Aber auch diesmal wird vermutlich alles gut gehen. 2012 ist der Weltuntergang ja ausgeblieben und die Nibiru-Apokalyptiker sind still geworden. Der nächste kommt bestimmt. Aber sicher nicht um die Weihnachtszeit. 

http://www.komet-ison.de

Montag, 11. November 2013

Kaminzimmer

Auch dabei, wenn Mynona nach Berlin zurück kehrt,
die intransitiven Philosophen: Prof. Hiroo Nakamura und Dr. Detlef Thiel

Die längst fällige Herausgabe seiner Schriften, Briefe und Nachlaßtexte hat  Gestalt angenommen. Zu entdecken ist ein Metaphysiker von ungeahnter Tiefe, ein Literatur- und Kulturkritiker von bestürzender Aktualität, ein unerschöpflich genialer Sprachmeister, ein Satiriker und Parodist vom Rang eines Lichtenberg oder Voltaire – der lachende Inszenator des „großen Immanuel Unbekannt”.
Friedlaender/Mynonas philosophischer Denkweg lässt sich in die Formel fassen: Von Schopenhauer und Nietzsche durch Ernst Marcus zu Kant – und über Kant hinaus. Nachhaltig geprägt durch den Altkantianer Marcus (1856-1928), weist er unermüdlich auf Kants Impulse hin: Gesetzesbegriff, Revolutionsprinzip und Vernunftreligion, Weltfrieden, Recht und Freiheit. Solche Forderungen der Vernunft sind aus dem Inneren der Person heraus zu kultivieren, aus der „schöpferischen Indifferenz”, dem „Heliozentrum” als absoluter Mitte zwischen allen Extremen. Das ist der praktische Zweck seines philosophischen Polarismus.

Im Lauf von 50 Jahren hat Friedlaender/Mynona ein umfangreiches und vielgestaltiges Werk geschaffen, das jenseits trivialer Trennungen von Philosophie und Literatur als ein „Vernunftgewitter” wirken sollte. Geboren 1871 in Gollantsch (Posen, heute Polen), studiert Friedlaender/Mynona Medizin, dann Philosophie in München, Berlin und Jena. Seit 1902 lebt er in Berlin. 1909 beginnt er unter dem Namen Mynona (Umkehrung von anonym) Grotesken zu veröffentlichen, die ihn im deutschen Sprachraum rasch bekannt machen. In diesen meisterhaft komponierten Zerrbildern, ebenso in Romanen und Novellen, Parodien und Gedichten will er die Erinnerung an „das göttlich geheimnisvolle Urbild des echten Lebens” auffrischen.

Sein philosophisches Werk umfasst neben der Dissertation (Jena 1902, bei Otto Liebmann) zwölf Bücher plus rund 200 Aufsätze und Rezensionen, in denen er sich scharfsinnig und hellsichtig mit den Zeitgenossen auseinandersetzt: Max Scheler, Ernst Bloch, Henri Bergson, Walther Rathenau, Hugo Ball, Albert Einstein, Oswald Spengler, Samuel Lublinski, Ernst Barthel, Jean-Paul Sartre ...
Jedoch konnte Friedlaender/Mynona dem „Ring der Knebelungen”, der sich in der späten Weimarer Republik um ihn schloss, nicht entrinnen. 1933 emigriert er nach Paris, dort stirbt er 1946 in extremer Armut. Die meisten seiner insgesamt 40 Bücher wurden nicht mehr aufgelegt, seine kleineren Texte und seine politischen Stellungnahmen niemals vollständig gesammelt. Über Inhalt und Umfang seines Nachlasses und seines Briefwechsels existierten bestenfalls Legenden. So ist bis heute nicht deutlich geworden, daß er ein aktives Ferment in den Gärungsphasen zahlreicher Diskurse bildete, die mittlerweile oft so bekannt scheinen, daß man es nicht mehr für nötig hält, nachzuforschen, wie sie sich entwickelt haben und von wem sie ausgingen.

Friedlaender gehört zur ersten Generation der Nietzscheaner. Er korrespondiert mit „der stadtbekannten Schwester des weltbekannten Bruders”; Georg Simmel fördert sein Nietzsche-Buch von 1911. Mit Marcus engagiert sich Friedlaender/Mynona in den Debatten um Kant und Einstein; er verteidigt Goethes Farbenlehre, schreibt die ersten Monographien über George Grosz und Remarque und legt den philosophischen Grundstein des Dadaismus. Er übt Kritik an Freud, gibt dem Psychologen Fritz Perls die Basis für seine Gestalttherapie, arbeitet zusammen mit Alfred Kubin, seinem langjährigen Briefpartner. Er war befreundet und bekannt mit Autoren wie Paul Scheerbart, Else Lasker-Schüler, Georg Simmel, Kurt Hiller, Martin Buber,Walter Benjamin, Karl Kraus und Joseph Roth, mit Künstlern wie Raoul Hausmann, Hannah Höch, Kurt Schwitters, Arthur Segal und Ludwig Meidner. Bereits seit 1920 führt er einen erbitterten Kampf gegen den heraufziehenden Nationalsozialismus. Im Pariser Exil kann er unter widrigsten Umständen mehrere philosophische Werke abschließen, darunter die kantisch-kritische Revision seiner Schöpferischen Indifferenz von 1918 – Das magische Ich.

(Hartmut Geerken & Detlef Thiel)

Veranstaltung: Mynona/Salomo Friedlaender: Dichter, Parodist, Erzähler und Philosoph

Im Gespräch mit Mechthild Rausch stellen Hartmut Geerken und Detlef Thiel Mynona und sein Werk vor.

Literaturhaus Berlin, Freitag 15. November, 20 Uhr / Kaminzimmer

http://www.literaturhaus-berlin.de/unten/programm/langversion/15_nov.html