Translate

Donnerstag, 6. Juni 2013

Skeumorphismus versus Minimalismus

Über drei Stunden Gesprächszeit in einer Metallbox
Guten Tag, hier sind aktuelle Editionen aus dem Hybriden-Verlag.
Mit freundlichen Grüßen,
Android Andryczuk (Institut für Nano-Robotik & Mikro-Orgiastik)

Der Daten-Messie
Ein Lesebuch mit Beiträgen von Stefan Soltek, Wolfgang Müller, Ludmilla Schall, Sun Ra, Gold & Sold Artist Production, Hartmut Geerken, Detlef Thiel, Jaap Blonk, Charles Blass, Zeitanker, Sigrid Hauff, Gundi Feyrer, Ulrich Woelk u.a.
Zeichenserie von Hartmut Andryczuk („Posttraumatische Entlastungsstörung, eine Serie von 10 Originalzeichnungen auf Transparentpapier“). Auswahl der Titel: „Feldherr ohne Feld“, „Nach der Bankenaufsicht“, „Insel der Insolvenz“, Skeuomorphismus versus Minimalismus“, „Moleskine Notebook Fallout“, Das Pferd von Stalingrad“...
Limitierte Auflage, Berlin 2013

Valeska Gert
Bewegte Fragmente – Eine Quellenedition. Fragments in Motion – A Source Book
Deutsch-Englische Ausgabe mit historischen wieder- und neuen erstveröffentlichten Texten,
Essays, Dokumenten über die performative Kunst von Valeska Gert (1892 –1978) sowie einem unveröffentlichtem Interview mit der Künstlerin aus dem Jahr 1977. Zudem das Manuskript ihres verschollenen Radiobeitrags „Über den Tanz“ von 1932, einem unveröf-fentlichtem Brief von Valeska Gert an die Verlegerin Elisabeth Pablé von 1969, Fotos von Ruth Berlau und Herbert Tobias. Herausgegeben von Wolfgang Müller und An Paenhuysen.Beiträge von Valeska Gert, Susanne Foellmer, Georg Kreisler, Wolfgang Müller und An Paenhuysen. Der Edition liegt eine DVD mit einem Video von Ernst Mitzka aus dem Jahre 1969 bei: Valeska Gert performt „Das Baby“ und „Der Tod“. Zudem die DVD „Bewegte Fragmente“, die für die Valeska Gert-Ausstellung im Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart 2010/2011 konzipiert und ebendort gezeigt wurde. Sie enthält Sequenzen mit Valeska Gert aus Filmen von Volker Schlöndorff, Georg Wilhelm Pabst sowie einem TV-Interview mit der Künstlerin aus dem Jahre 1975. Übersetzung ins Englische: Ana Isabel Keilson. Inliegend die Originalarbeit „Lesezeichen/Pause“ von Wolfgang Müller, signiert und nummeriert. Auflage: 100 Exemplare, Berlin 2013

Wolfgang Müller Die Norm.
Künstlergespräche / Artist Talks mit Hartmut Andryczuk, An Paenhuysen und Peter Penewsky. Über drei Stunden Gesprächszeit mit Musikeinspielungen. Originalzeichnung und -handschrift von Wolfgang Müller auf einer Metallbox. 
MP3-CD, Auflage: 30 Ex, Berlin 2013

MMM-DIARIUM 4/2012 – Mennighüffen & Moleskine-Medizin
Themen: The Freetown Concert, Signaturen. Famoudou Don Moye und Geerken im Markhotel. Das Geisterhaus von Mennighüffen. Ostwestfälische Indiskretionen. Neil Young: Psychedelic Pill.. Beerdigung Werner Görischk mit Miniatur-Schachspiel auf dem Grab. Fake Book, Mind Control und Planet Nibiru. Moleskine-Medizin: Akustik-Neurinom & Engwinkelglaukom. Florian Freistetter und "Nibiru Final Update". Vokalbelkrieger „Glück“ mit Zeichnungen auf Investment-Informationsbroschüren. Kniphofia obscura in der Universitätsbibliothek Erfurt. Infonischer Resonator. Weihnachtsfeier mit Schnick-Schnack-Schnuck. Jaap Blonk im Buchhändlerkeller. Energiewirtschaftler ohne Energie. Maximilian Barck gestorben.
Tagebuch von Hartmut Andryczuk vom 1. November 2012 bis zum 31. Januar 2013 mit künstlerischen Originalbeiträgen von Inox Kapell, Freddy Flores Knistoff, Jürgen Irmer, Hartmut Andryczuk und Mikula Lüllwitz. 
Limitierte Auflage, Berlin 2013




Sonntag, 2. Juni 2013

Deutschland – deine Genies

Markus Lüpertz: Deutschland, deine Ampelmänner
 (schwarze Kreide auf weissem Grund)

I. Über die Ampel bei Rot

Es muss Anfang der 1980er Jahre gewesen sein. Im Auftrag der französischen Zeitschrift "quatre taxis" besuchte mich eine junge Journalistin, um ein Interview über die Tödliche Doris zu machen. Sie stellte sich vor mit: "Ich bin Trixi Lüpertz [sie machte eine kleine Pause und setzte fort] - die Frau des berühmten Malers Markus Lüpertz!" In dieser Art hatte sich bisher nie zuvor ein Mensch bei mir vorgestellt. Später zeigte mir mein Bruder Max ein Foto der "jungen deutschen Malerfürsten" - ich glaube es stammte aus der Kunstzeitschrift Wolkenkratzer. Da saßen mehrere Männer Seite an Seite auf Holzbänken in einer Sauna und schauten ernst in Richtung Fotograf. "Dieser hier ist Lüpertz!" Einer der Saunafreunde ballte die Faust und hielt sie in Richtung des Fotografen. Die eh schon sehr großen Ringe wirkten so gleich noch etwas größer. Wahrscheinlich war das Jörg Immendorff oder war es doch Baselitz? - ich weiß es nicht mehr. Wir fanden das Sauna-Foto extrem unsexy und hielten es zugleich für eine gute Zustandsbeschreibung des Kunstbetriebes und seiner aktuellen Leitfiguren. Der deutsche Malerfürstenklüngel in der Herren-Sauna. Jetzt, im Alter drehen die letzten Genies noch mal richtig auf, achten nicht mal mehr auf die Farben, von denen sie umgeben sind. Wie das wohl enden wird?

Wolfgang Müller

Malerfürst in Handschellen:
http://www.welt.de/kultur/kunst-und-architektur/article116666748/Das-deutsche-Genie-geht-bei-Rot-ueber-die-Ampel.html

Mittwoch, 22. Mai 2013

Würmer im Auge



- gavdos im jahr 2002, november. ich gehe den im winter völlig einsamen strand von ag. joannis entlang. ich sehe weiter oben, wo die zedern beginnen eine alte frau arbeiten. wir winken uns von weitem zu. auf dem rückweg nehme ich den oberen weg, um zu sehen, was diese frau dort macht. als ich sie von hinten auf griechisch anspreche, dreht sie sich um, & ich erkenne, dass sie eine junge frau von höchstens 30 jahren ist, aber gekleidet wie eine alte griechin. sie macht einen ziemlich schmutzigen eindruck, aus ihrem kinn spriessen unappetitlich einige lange haare, ihre fingernägel haben schwarze trauerränder, aber ihre augen sind strahlend blau. sie spricht gut englisch und erklärt mir, sie studiere soziologie an der universität patras und sie sammle im winter hier den müll auf, den die touristen im sommer hinterlassen haben. tatsächlich sehe ich auch eine ganze reihe von vollen schwarzen müllsäcken. sie sagt, weiter oben gebe es eine süsswasserquelle. sie bietet mir frisches wasser aus einem vollkommen verdreckten gelben plastikbecher an. ich verzichte gern. sie will mir unbedingt den weg zur süsswasserquelle zeigen, aber mir ist es nicht danach, in engeren kontakt mit ihr zu treten. dann erzählt sie mir, dass sie würmer habe. in ihrem morgendlichen scheisshaufen seien massenweise würmer gewesen. ich empfehle ihr täglich zwei rohe knoblauchzehen & zwei schnapsgläschen voll essig, davon eins morgens auf nüchternen magen. dann verabschiede ich mich.
etwa eine woche später gehe ich wieder an diesem strand entlang. die frau ist nicht zu sehen. ich will nun allein die süsswasserquelle finden & beginne am ende des strandes von der küste aus die dort beginnenden felsen hochzuklettern. es gibt einen etwa 20 cm breiten ziegenpfad. aber da es in der nacht stark geregnet hatte, war dieser pfad sehr glitschig, links ging es steil nach oben & rechts fast senkrecht nach unten ins meer. ich denke an meine familie, will kein weiteres risiko eingehen & entschliesse mich, die quelle ein andermal zu suchen. ich drehe mich um, um nach hause zu gehen, da steht diese frau keine zwei meter hinter mir! sie hat sich geräuschlos an mich herangeschlichen. sie besteht wieder darauf, mir die quelle zu zeigen, aber ich lehne ab & will den rückweg antreten. da rafft sie ihr dünnes kleid hoch, steht 'unten ohne' vor mir in ihrer ganzen (unfeinen) pracht & sagt, dass die würmer jetzt bis hinter ihre augen hochgestiegen seien. sie könne sie genau sehen & spüren. ich mache mich angewidert auf den heimweg, obwohl sie immer weiter darauf besteht, mir die quelle zu zeigen.
zu hause erzähle ich den freunden diese geschichte. sie hören sehr ernst zu & sagen, als ich fertig bin, ich hätte glück gehabt: genau an dieser stelle sei im letzten jahr ein engländer spurlos verschwunden. die geistig gestörte frau, offensichtlich eine pathologische männerhasserin, wollte mich sehr wahrscheinlich in dem moment, wo ich mich glücklicherweise umdrehte, über die felsen hinunter ins meer stossen.
später hörte ich, dass ihr vater auf die insel gekommen sei, um sie abzuholen. 
Hartmut Geerken

Mittwoch, 15. Mai 2013

Satama

Tommy Hilfiger Model


Was fällt ihnen ein, wenn sie „Satama“ hören? Denken Sie dabei an schwarze Messen?
Tatsächlich nennt sich eine Wellnessanlage in Brandenburg so. Genauer liegt diese Event-Sauna in Wendisch-Rietz am Scharmützelsee. Dort war ich zu Gast vor der letzten Bundestagswahl und das Verhältnis von NPD-Wahlplakaten zu den übrigen Parteien betrug etwa 3:1. Wendisch-Rietz ist ein ziemlich hässlicher Ort. Es gibt dort ein künstliches skandinavisches Dorf mit Ferienhäusern samt Leuchtturm, eine psychiatrische Klinik und eben diese Sauna. Eigentlich ein Ort, den man vergessen kann, wenn mir nicht kürzlich die Werbebroschüre der Satama-Sauna in die Hände gefallen wäre. Schliesslich war ich dort auch vor Jahren und eigentlich eher genervt von dem nackten Gewusel in dieser Anlage. 

Aber werfen wir einmal einen Blick auf die Rhetorik dieser Broschüre: „Hören Sie nur, der klangvolle Name SATAMA drückt Sehnsucht nach Zufriedenheit und Erleichterung aus. Spüren Sie die Vorfreude, die Ungeduld, spüren Sie das Heimweh - wundert es Sie da noch, dass SATAMA „der Hafen“ (finnisch) bedeutet? Legen Sie nun an, erlösen Sie sich und finden Sie hier Ihre Ruhe und Erholung...“ Weiter heisst es: „Ein Schiff, gebaut aus langer Tradition, aus Wissen und Erholung, stabil und überlegen, wird sie sicher und ruhig in den Hafen der Entspannung leiten...“ Schwadroniert wird weiter über die „nordische Eleganz“ (der Landschaft?), der natürlichen Atmosphäre (was soll das sein?) und die diversen Saunen, die sich Tuli, Maa, sibirische Banja, Gradierwerk, Bi-O-Bad, Tiroler Stubensauna, Stollnsauna und SATAMA-Theater nennen. Sie werben sogar mit Aufguss-Weltmeisterschaften und ihrer „Märchensauna“, wo eine Angestellte den Gästen beim Saunen Märchen vorliest. 

Der Prospekt wirbt dabei auch mit glatzköpfigen Männern und blonden, bzw. schwarzhaarigen Frauen - und man gewinnt den Eindruck, dass hier die Männer noch Männer sind und die Frauen noch Frauen. Und viel Phantasie braucht es nicht, sich bei den Männern Tätowierungen mit Che Guevaras Konterfei vorzustellen, eingerahmt vom Runenalphabet. Und die Frauen? Eine „Turboelfe“ auf dem Hintern? 

Unter den speziellen Angeboten findet man dort dann auch die „Weiber-Wellness“: „Erleben Sie heitere Stunden mit Ihren besten Freundinnen in unserem kleinen Orient. Niemand wird Ihre fröhlichen Gespräche stören, und was ja nicht weniger wichtig ist, wenn man sich unter Frauen viel zu erzählen hat - auch Sie werden niemanden stören - egal worüber und vor allem wie laut Sie lachen.“ Adäquat dazu finden „Männertage“ statt mit „1 Neuzeller Bierbad und einer Neuzeller Bierspezialität.“ 

Besuchern von Bad Saarow sei die Wellness-Abteilung des Esplanade-Hotels empfohlen. Jenseits jedes überkandidelten Schnickschnacks fühlt man sich dort zwar ein wenig wie in einem Flughafen, aber zumindest hat deren Hotelchef vor einigen Jahren den ehemaligen NPD-Vorsitzenden Udo Voigt ausgeladen.  

Mittwoch, 8. Mai 2013

Ich-Heliozentrum


Der Heliozentriker mit einem Gucci-Sonnenbrillen-Imitat 
aus einem China-Laden auf Kreta

Elektronikengels Botschaft # 3 - Heliozentrum-Ich: Mynona, Sun Ra und die Grenzen des Bewusstseins

Zu Gast ist der Künstler, Autor, Musiker und Herausgeber Hartmut Geerken

Am Mikrofon: Hartmut Andryczuk

Themen: Geo- und heliozentrisches Weltbild, Ich-Sonne: Mynona, Salomo Friedlaender, Pariser-Exil, Nachlassverwaltung, Werkausgabe und die Ignoranz öffentlicher Institutionen, Einstein-Kritik: Albert Einstein = Aribert Neinstein, Fritz Perls, Gestalttherapie, Dichter-Philosophen, Immanuel Kant und das exzentrische Gefühl, Geistige Verwandtschaften: Friedlaender und Sun Ra, Graphologie und Transkription, Saturn-Records, Handbemalte Plattencover, Omniverse, Sun Ra als Dichter, Hauskonzerte in Kairo, Sonnenharfe, Art Ensemble of Chicago, Lester Bowie & Famoudou Don Moye, Oktoberrevolution des Jazz, Zero Sun No Point, Amanita - Musik im Fliegenpilzrausch, Afrika-Tour: Moye, Tchicai & Geerken, Magische Klänge im Busch, Freetown, British Council: vergebliche Mobbing-Versuche des Goethe Instituts.

Hartmut Geerken ist als Organisator, Koordinator und vielfältiger Künstler aktiv. Als Perkussionist arbeitet er mit diversen Free Jazz-Musikern (z.B. Art Ensemble of Chicago, Famoudou Don Moye, John Tchicai, Sainkho Namtchylak) zusammen. Als Darsteller und Komponist war er in sechs Filmen von Herbert Achternbusch aktiv. Seit einigen Jahren gibt er mit Detlef Thiel das Gesamtwerk von Salomo Friedlaender heraus. Preise und Auszeichnungen: Münchner Literaturjahr (1984), Schubart-Literaturpreis (1986), Karl-Sczuka-Preis für Radiokunst: "südwärts, südwärts" (BR 1989) und "hexenring" (BR 1994).

Valeska Gert - Bewegte Fragmente


Ernst Mitzka - Valeska Gert, Der Tod. Video, Berlin 1969

Hier eine Textprobe aus der soeben erschienenen Edition:

Valeska Gert - Bewegte Fragmente. Eine Quellenedition

"Frage: Da so großes Interesse an Ihrer Arbeit besteht und der Publikumsgeschmack sich seit den 50er Jahren sehr verändert hat, haben Sie da nicht wieder Lust, Kabarett oder Tanztheater zu machen?

Valeska Gert: Kabarett und Theater, das ist doch total veraltet und überholt! Film und Fernsehen sind die Medien der heutigen Zeit! Darauf werde ich mich konzentrieren. Ich möchte gern mit lebensgroßem Fernsehen und drei-dimensionalem Film arbeiten. Mit der Reproduktion des Naturgetreuen!

Frage: Es gibt doch auch moderne Theaterformen.

Valeska Gert: Sie meinen diese Spielereien, wo die ganze Technik und das Publikum selbst herhalten muss, damit es einigermaßen interessant wird. Das ist doch nur ganz billige Effekthascherei! Spielerei! Worauf es meiner Meinung nach in der darstellenden Kunst ankommt, ist die Magie, die vom Darsteller ausgeht, das kann keine Technik ersetzen. Technik soll die Magie verbreiten, soll ihr Medium sein, in ihren Dienst gestellt und nicht selbst der Effekt sein! Magie ist alles! Der Künstler, der sie nicht besitzt, dem nutzt auch der ganze andere Firlefanz nichts!" 

(Aus einem Interview im Jahre 1977)


Deutsch-Englische Ausgabe mit historischen wieder-  und neuen erstveröffentlichten Texten, Essays, Dokumenten über die performative Kunst von Valeska Gert (1892 –1978) sowie einem unveröffentlichtem Interview mit der Künstlerin aus dem Jahr 1977. Zudem das  Manuskript ihres verschollenen Radiobeitrags „Über den Tanz“ von 1932, einem unveröffentlichtem Brief von Valeska Gert an die Verlegerin Elisabeth Pablé von 1969, Fotos von Ruth Berlau und Herbert Tobias. 

Herausgegeben von Wolfgang Müller und An Paenhuysen.
Beiträge von Valeska Gert, Susanne Foellmer, Georg Kreisler, Wolfgang Müller und An Paenhuysen.

Der Edition liegt eine DVD mit einem Video von Ernst Mitzka aus dem Jahre 1969 bei: Valeska Gert performt „Das Baby“ und „Der Tod“. Zudem die DVD „Bewegte Fragmente“, die für die Valeska Gert-Ausstellung im Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart 2010/2011 konzipiert und ebendort gezeigt wurde. Sie enthält Sequenzen mit Valeska Gert aus Filmen von Volker Schlöndorff, Georg Wilhelm Pabst sowie einem TV-Interview mit der Künstlerin aus dem Jahre 1975.

Übersetzung ins Englische: Ana Isabel Keilson. Inliegend die Originalarbeit „Lesezeichen/Pause“ von Wolfgang Müller, signiert und nummeriert.


Präsentation der Edition am Freitag, den 10. Mai 2013 in der Galerie Maifoto, Dresdener Straße 18, 10999 Berlin ab 19 Uhr. Mit An Paenhuysen, Hartmut Andryczuk, Ernst Mitzka, Wolfgang Müller u.a.

Ausstellung: Ernst Mitzka, Valeska Gert: Der Tod and/und Das Baby. Film Stills and/und Video, 11.-17. Mai 2013.

Galerie Maifoto:
http://www.maifoto.de/startseite/gallerie/

Valeska Gert im Hybriden-Verlag
http://www.hybriden-verlag.de/hybriden/seiten/Aktuelles.html

An Paenhuysen
http://www.anpaenhuysen.com

Wolfgang Müller
http://www.wolfgangmueller.net

Valeska Gert
http://de.wikipedia.org/wiki/Valeska_Gert

Aktualisierung: Valeska Gert - Über den Tanz / Artikel in der "Jungen Welt"
http://www.jungewelt.de/2013/05-10/013.php



Samstag, 20. April 2013

MYNONA: Kaffee



Nun überlegte sich der goldbraune Messias nicht mehr lange, an wen er sich zu wenden habe, sondern ging stracks und fast so gut wie stehenden Fußes zu Frau Neugedachter, einer vieleckigen und mannigfach erfahrenen Perlendreherin, verstehen Sie? Über Promenaden läßt sich streiten; sie führen zu nichts, und nachher entsteht Zank. Es handelte sich offenbar um Kaffee, der bekanntlich mittlerweile sehr knapp geworden war. Elsie Neugedachter, blaues Perlengehänge (selbst gedreht!) am Ohr, zerkaute eine Mokkakaffeebohne unermüdlich zwischen ihren Mausezähnen, und der Messias – ach, ach, ach! – atmete lang (wie der Taucher in Schillers Ballade) und atmete tief den aromatischen Hauch ein, der kräftig von ihren Lippen strömte, während sie ihm erklärte: „Und wenn Sie tausendundeinmal der Messias und womöglich gar Exzellenz wären – schaun Sie mich an, lieber Mensch, für mich bleiben Sie ...“ „Na,“ unterbrach er sie sehnlich, kaffeedurstig, „na, was bleib’ ich denn?“ – „Ein Mann,“ schrie sie herzzerreißend auf, „ein Mann!“ Der Messias mochte ihr nicht gern unrecht geben; er war noch nicht lange Messias (erst auf dem letzten Kostümball hatten sie ihn dazu ernannt, weil er rote Wangen zeigte, trotzdem in seinen Augen das Mitgefühl mit der Hautevolee tränte, und seine Beine einen schmachtenden Gang nahmen).

Aus Frau Neugedachter (sie dreht ihre Perlen wirklich selbst; confer den Linsenschleifer Spinoza; auch jeder Hohenzoller lernt außer Mund- ein Handwerk) wurde der Messias nicht schlau. Daß er ein Mann war, stimmte; Beß Brenk behauptete sogar, er habe das mal geträumt. Aber was folgte daraus? Darüber dachte der Messias mit gefurchter Stirn (Sie wissen: so wie Eucken, wenn er über Montaigne redet, und zwar von oben herab) langsam nach – sie meint doch nicht etwa ...?

Und gerade das meinte sie. Aber man soll ihr auch nicht unrecht tun: ihr lag verzweifelt wenig an irgendwelchem intim leiblichen Zusammenhange mit dem goldbraunen männlichen Geschöpf. Sie hatte nur mal irgendwo, wahrscheinlich von Friedrich Wolfgang von Goethe-Schiller, dem bekannten deutschen Doppelmenschen vor dem Weimarer Theater-Reichstag, gehört, ein guter Mann werde durch ein Wort der Frauen weit geführt. Sie getraute sich, den unheimlichen Kaffeedurst des guten Jungen zu benutzen, um ihn noch weiterzuführen, die Schelmin. Sie hauchte ihm die würzigsten Duftwellen zu; da hing er an ihrem Munde, der die Form eines verrenkten Hufeisens, mit der Öffnung nach unten, hatte. Und sie schlenkerten beide ihrer Wohnung zu. – „Ich habe welchen (sie meinte Kaffee) aus dem aufgelösten Haushalt der alten Kaiserin, wissen Sie, wie braune, längliche Perlen, von direkt berauschendem Odeur.“ – Die Zunge klebte ihm am Gaumen, er hörte nicht mehr, er roch und schmeckte mit dem Gehör. Nun kennen Sie oder sollten Sie, seit Fließ besonders, den Zusammenhang zwischen Nase und Sexus kennen, ja, ja.

Die Witwe Neugedachter öffnete eine japanische Lackbüchse und schüttete sich aus ihr in die (zu chiromantischen Zwecken ganz besonders geeignete) perlmuttern irisierende Handfläche eine kleine Myriade Mokkabohnen; sie nahm noch eine in ihren schicken Mund und kaute und kaute, während sie keines ihrer schielenden Augen von ihm ließ. Der Messias warf sich ihr zu Füßen, verstehen Sie, wälzte sich, epileptisch beinahe, auf dem prächtig geknüpften echten Gebetteppich und bettelte winselnd um eine einzige Bohne. – Sie stieg zu ihm nieder, girlandierte ihn mit ihren seidenen Armen (von der Dicke eines mäßig großen Elephantenschenkels) und schmollte mit ihren, wie gesagt, reizend schiefen Lippen: „Unter keiner Bedingung als ...“

„Als ...?“ Er zitterte es lechzend hervor. Sie aber antwortete nicht, sondern ging stumm an das Geschäft des Kaffeemahlens; sie mahlte ihn in einer türkischen Kaffeemühle. Der Messias, dem die Grausame das schwarzbraune Mehl zur Nase führte, verkrampfte sich vor Trinkgelüst, und seine Zunge vollführte schlürfende Bewegungen: „Elsie, liebe Elsie! Sie bringen mich um! Nennen Sie rasch die einzige Bedingung.“ – Da hatte sie ihn – denn jetzt verstand er und hielt sie umschlungen. So weit also konnte ein Mann geführt werden, dachte sie (als sie zu denken kaum mehr fähig war) und wollte der Situation ein Ende mit zwei Kaffeeschälchen machen. Allein der Messias glaubte, die Perlendreherin ernst nehmen zu sollen, und ließ nicht eher nach, als bis das Unheil erfüllte war. Der Gebetteppich arg ramponiert. Natürlich trank man dann sowieso Kaffee – aber mit welchen Gefühlen!!!

Trotzdem ist auch das hier primum Kaffee, deinde sexus. Die sexuale Osphresiologie ändert daran nichts. Zum sogenannten Akte war es nur zufällig gekommen: Weder der Perlendreherin noch dem Messias lag sonderlich viel daran. Überhaupt (das ist das öffentliche Geheimnis) macht sich niemand was daraus. Es gibt aber allenthalben eine Art Kaffee, also ein stark gewürztes Interesse, das in seinen Konsequenzen, auch bei edlen Wesen, wenn sie ihrer selbst vergessen, zum amourösen Renkontre führen kann, d. h. also eigentlich in mechanische Tiefen, wo der weiseste Mensch sich in einen Reflexapparat verschandelt; und wo selbst echte Messiasse sich vor sich selber in acht nehmen sollen... 

(1921)

Montag, 15. April 2013

Insomnia 3.0

Die wahre Hybriden-Mischung

Der Daten-Messie hat für die Kaffeerösterei Gerhard Ridder in Berlin das Etikett für einen Espresso entworfen. Wir wollten der hausinternen Marke "Skulls & Bones", die wohl sehr kräftig ist, interne Konkurrenz bieten. So kamen wir auf den Namen "Insomnia 3.0", den Nerd-Kaffee, der demnächst auch über den Hybriden-Verlag vertrieben werden kann. 

"Insomnia 3.0" ist bester Arabica und erstklassiger Robusta in Trommelröstverfahren sorgfältig veredelt. 

Der Daten-Messie ist schon seit Jahren Kunde dieser Kaffeerösterei in der Schmiljanstraße in Berlin-Friedenau. Jenseits allem Latte macchiato-Schnickschnack und der Laktose-Hysterie von "Starbucks" oder der albernen "Balzac"-Kette gibt es hier eine hervorragende Auswahl an tollen Kaffeemischungen zu sehr fairen Preisen. 

Obwohl dort auch ein kleiner Cafébetrieb ist, sieht man keine Laptop- oder Tabletbatterien. Die Gäste haben meist selbst ein Büro. Die Kaffeerösterei ist eher eine kleine Manufaktur an einer sehr befahrenen Hauptstraße. 

"Unser Kaffeeangebot erstreckt sich von Mittel- und Südamerika über Afrika bis nach Asien, vier Sorten Espresso, Reinsorten aus Guatemala, Indien, Brasilien, Kolumbien, Papua-Neuginea, Äthiopien und Panama, entkoffeinierter Brazil Santos und fair gehandelter Kaffee aus Sumatra, UTZ-Certified.
Etwas mehr als Kaffee gibt es dann aber doch noch: Schokolade von Schokomonk, Dolfin und Amatller und ein paar andere Leckereien.
Ridders Kafferösterei bietet auch Röstvorführungen für kleine Gruppen nach Absprache (auch für Kinder sehr spannend)."

http://www.ridders-roesterei.de

Sonntag, 7. April 2013

Die wahre Aktentaschengeschichte


1 Nummer aus Bali

Am Abend des 16. März, einem Samstag, habe ich nach einer anstrengenden Rückreise aus Bali bei der Ankunft mit der S-Bahn in Herrsching gegen 21.20 Uhr meine Computertasche in der Gepäckablage über dem Sitz vergessen. Ich bemerkte den Verlust noch am Bahnhof und bin unverzüglich, nicht länger als drei Minuten nachdem ich die S-Bahn verlassen hatte, in die noch stehende S-Bahn zurückgerannt, doch die Computertasche war verschwunden. Zusammen mit meiner Frau und meiner Tochter, die uns von einer Indonesienreise abholte, suchte ich noch bis kurz vor der Abfahrt der S-Bahn die Abteile ergebnislos durch.
In der Tasche befanden sich alle persönlichen Papiere, der Hausschlüssel, Bargeld, ein indonesisches Handy, und vor allem eine Reihe Notizbücher mit meinen handschriftlichen Aufzeichnungen und etwa 400 Archivkopien des Philosophen Salomo Friedlaender usw. usf. Einen PC hatte ich nicht dabei.
Noch bis Mitternacht bei der Polizei in Herrsching Protokoll aufgenommen. Schlaflose Nacht. Am Sonntagmorgen als erstes die Bankkarten sperren lassen. Dann haben meine Frau und ich alle Mülleimer und Müllcontainer an den S-Bahnhöfen zwischen Herrsching und Wessling nach Spuren aus der Tasche durchsucht. Vielleicht konnte ich wenigstens meine unersetzlichen schriftlichen Aufzeichnungen aus Indonesien wiederfinden. In Wessling beobachtete uns, wie wir an den Mülleimern arbeiteten, eine ältere Dame, sie kam auf uns zu und sagte in mitfühlendem Ton: "Wenn Sie was suchen, gehen Sie doch zu Tengelmann, da finden Sie eher etwas zum Essen!" -  Alle Suche nach unseren Dingen war erfolglos. 
Da die Hausschlüssel auch in der Tasche waren, haben wir am Sonntagfrüh vorsichtshalber das Haustürschloss ausgetauscht. Man weiss ja nie. 
Am Montagfrüh sofort zur Gemeinde und neue Pässe und Personalausweise beantragt. Kurz nach Hause gefahren, um etwas zu holen, da klingelt das Telefon. Eine kaum verständliche dünne Stimme... aus Indonesien... aus Bali. Man konnte grade noch verstehen, dass wir eine Fundsache am Bahnhof in Herrsching abholen sollen!? -  Wir verstehen nichts mehr! Aber nichts wie zum Bahnhof! Der Fahrdienstleiter übergibt uns stolz meine Computertasche mit vollständigem Inhalt. Nichts fehlt! Ein älterer Herr habe die Tasche vor kurzem abgeliefert. Name und Telefonnummer des Finders, die er nur auf Verlangen nannte, stehen auf einem kleinen Zettel. Die Bahnangestellten in Herrsching haben die Tasche geöffnet, um den Besitzer zu identifizieren. Sie fanden auch tatsächlich meine Telefonnummer, aber es war dort dauernd belegt (ich war eine halbe Stunde lang zum Kartensperren in der Warteschleife der Postbank!). Aber mein indonesisches Handy war auch in der Tasche, darauf war nur eine einzige Nummer gespeichert: die meines Bruders, der noch auf Bali geblieben ist. Man rief vom Bahnhof Herrsching diese Nummer an, ohne zu wissen, dass es ein Ferngespräch mit Bali war. Und von Bali bekamen wir dann diese obskure Aufforderung, eine Fundsache am Bahnhof abzuholen. - Überglücklich nahmen wir die Tasche mit ihrem vollständigen Inhalt in Empfang und feierten diesen Glücksfall beim Italiener mit Prosecco und einem guten Essen.
Am Nachmittag rief ich den Finder an. Es war ein älterer Herr, ehemaliger Seemann, von der Sozialhilfe lebend, wohnhaft in Erling. Wir trafen uns in seinem Haus, und er erzählte uns, wie er zu der Tasche kam. Er sass schräg gegenüber von uns in der S-Bahn und war vor uns ausgestiegen. Im Taxi, das ihn nach Erling bringen sollte, entdeckte er, dass er seine Zigarettenspitze in der S-Bahn liegengelassen hatte. Er stieg wieder aus, ging zur S-Bahn und sah, wie sich eine Gruppe Jugendlicher (zwei davon standen Schmiere an den Türen) über meine Tasche hergemacht hatten. Einer hatte die Geldbörse schon in der Hand. Der Herr fuhr die Diebe in Seemannsart an, denn er erinnerte sich, dass die Tasche zu dem Ehepaar gehörte, das dort gesessen hatte. Er sagte: "Als ich das sah, stieg die Mutter in mir hoch, als alter Seemann habe ich immer ein Messer in der Tasche, ich legte meine tiefe Stimme an (da geht immer eine grosse Kälte von mir aus) und ging auf die Diebe mit blanker Klinge los". "Die verwichsten Ratten", wie er sie nannte, liessen ab und flüchteten über die Gleise. Er nahm die Tasche an sich, und da der Bahnhof am Sonntag nicht besetzt war, lieferte er sie am Montagmorgen dort ab.
Eine vergessene Zigarettenspitze brachte uns wieder in den Besitz der Tasche. Und ein mutiger Mensch mit einer in unserer heutigen Gesellschaft sehr selten gewordenen moralischen Stärke ist zu einem Freund geworden.
Offensichtlich gibt es immer wieder Banden, die die späten S-Bahnen an den Endstationen abwarten und sie in Sekundenschnelle systematisch nach vergessenen Gegenständen durchsuchen. 
Hartmut Geerken

Mittwoch, 3. April 2013

Angst & Gier: Börsenblasen & Burnout

American Psycho Romantik - oder:
Porträt eines ausgestorbenen Yuppies


Elektronikengels Botschaft # 2 - Greed & Fear / Angst & Gier

Zu Gast ist der unabhängige und selbstständige Finanzberater Martin Bonnet

Am Mikrofon: Hartmut Andryczuk

Am Samstag, den 6. April wird auf reboot.fm, dem freien Künstlerradio aus Berlin, die zweite Folge von Elektronikengels Botschaft gesendet. Beginn: 20 Uhr.

Themen: Geschichte der Börse, Tulpen-Hausse, Insider-Geschäfte und Kursbewegungen, George Soros, Angst- und Gier-Index, Hedge-Fonds, Derivate, Leerverkläufe, Turnaround-Aktien, Goldmann-Sachs, Börsenblasen und Burnout, 1929 - Black Friday, Crash des Neuen Markts um die Jahrtausendwende, Immobilien-Blase 2008, Lehman-Pleite, Anlageberatung, Banker als Feindbild, Psychologische Schulungen und Kundenprofile, Großbanken, Eigenkapitaldeckung und Spekulationsmasse, Euro-Politik, Private Geburtstagsfeiern im Bundeskanzleramt, Bankenfinanzierung in Griechenland, Überschuldungskrise, Inflation oder Deflation, Dilettantische Politiker, Gelddruckmaschinen, Nullbesteuerung der Superreichen, Bildung als beste Kapitalanlage, Vom Haben zum Sein.

Biografische Angaben von Martin Bonnet: 


Studium der Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt u.a. "Bankenbetriebslehre und Finanzierung", worin zu einem sehr großen Anteil kapitalmarkttheoretische Themen enthalten waren. Rd. 12 Jahre Finanzberatung als Selbstständiger bei MLP und der Deutschen Bank, seit Februar 2012 zusätzlich auch noch unabhängig in meiner Beratung. Erste Krisenanzeichen 2001 ausgemacht, seitdem diesen Aspekt kontinuierlich in die Beratung aufgenommen. Ebenfalls ab diesem Zeitpunkt fortwährende intensive Auseinandersetzung mit der aktuellen Überschuldungskrise und deren Auswirkungen auf Wohlstand, Vermögens(um)verteilung, Anreizsetzung, Politik(er)verhalten. Scharfer Kritiker der aktuellen "Krisenpolitik".

http://reboot.fm

Download

https://soundcloud.com/rebootfm/elektronikengels-botschaft-2