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Dienstag, 26. Mai 2015

VERLOREN – GEFUNDEN, FOLGE IV – interceiver Nostradamus - Produktionsstätte Kholomea, Ukrainische Republik 17. J. n. MOHW.

Der Urvater der MOHWELIANER
und dieses unsäglichen Textes
Es gab keine Kantine. Vor einigen Jahren diente eine gemeinsame Mahlzeit noch der Produktionssteigerung. Die Arbeiter diskutierten noch mit leidenschaftlichem Interesse die neuesten Produkte des Managements. Dann kamen die japanischen Analysten. Die Elite der Betriebswissenschaftler. Man praktizierte KAIZEN; d.h. kleine betriebliche Veränderungen, um eine grössere Rendite zu erzählen. Rationalisierungen waren die Folge. Fusionen und Zersplitterungen. Entlassungen der Einheimischen. Man heuerte Spezialisten aus dem Ausland an, die kein gemeinsame Mahlzeit mehr brauchten. Keine Speisen, keine Getränke, keine Gespräche. Innovation. Vitaminpillen. Die effektivsten, phantasievollsten, kreativsten und anspruchslosesten Mitarbeiter waren die MOHWELIANER. 

Verlorene Jugend: ich imaginiere - Räume ohne Imagination, ohne Personalcomputer, ohne Briefe-Echos. Sehnsucht nach einem Grau im Grauen; nicht das anthrazitfarbene transparente Grau des iMacs, dem Fossil des elektronischen Neolithikums. Abseits des sensorischen Overkills eine Boutique in der Antarktis. Weder Levy-Strauss noch Jean Pascale noch die modischen Last-Minute-Shots von Vitus Bering a la  Benetton-Mode-Photographie. Eine Zeit , in der man Filosofie, Telefon und Fantasma noch mit ph schreiben konnte. Kollektive Alphabete ohne f.

Der interceiver Nostradamus hatte den Personalcomputer abgelöst. Die Variante 2.0 nannte man bereits Kollektivcomputer. Die Variante 8.5 sollte bald folgen. Dieses neueste Produkt hatte eine Ultraschall-Schnittstelle mit dem Skuplturen-Scanner und Skulpturen-Kopierer der Firma Maldoror Technologies. Es war kein Problem mehr Gegenstände, die zunächst rein virtuell waren, dreidimensional zu kopieren.  Der Gen-Sequenzer war standardmässig installiert. Wollte jemand zum Beispiel seine Agapanthus vervielfältigen, so war das kein Problem. Das Prinzip war das eines Fotokopierers. Man stellte die Anzahl der gewollten Kopien ein und schon hatte man eine ganze Veranda voller Kübelpflanzen.

Maldoror Technologies war eine der innovativsten Firmen in der Computerwelt. Sie waren die ersten, die das Internet mit dem Quark-Net ablösten. Das Quark-Net transportierte nicht nur formulierte Gedanken, sondern ebenfalls die ungeheure Datenflut des unausgesprochenen Schattenreichs der Gedanken und Instinkte. Das Quark-Net wurde eine Domäne der Künstler, Telepathen, Psychologen, Sozialwissenschaftler und
Werbestrategen. Sein Potential war gewaltig, furchterregend - und die Menschheit drohte im Hyperbewussten zu verschwinden. Die wenigsten hatten noch die Filter, so etwas wie "Realität" zu konstruieren. 

Der Börsengang von Maldoror Technologies verlief äussert erfolgreich. Anfangs lag der Ausgabepreis noch bei 120 Euro. Bereits nach 6 Monaten kostete eine Aktie 1800 Euro. Nostradamus dachte über eine Fusion mit Maldoror nach. Die Produktmanager waren sich darüber einig, dass man die Technik erotisieren musste. Anfangs realisierte sich das nur in läppischen Designa: Laptops in Venushügelform mit Klitoris-Kursor. Später setzte man das libidinöse Potential der Belegschaft ein.

Abteilungsleiterinnen in schwarzen Tops und khakifarbenen Hosen waren per Chip und Infrarotschnittstelle an die "klick.fick.de"-Software des Kollektivcomputers angeschlossen und konnten so per Quark-Net durch die Klienten in der ganzen Welt stimuliert werden. 

Ich erinnere mich noch daran, konventionellen Sex gehabt zu haben. Irgendwo zuvor habe ich diese Sätze schon gelesen. "Ich bin alt, doch nicht tot..." Es war der Anfang eines Lamentos, den ich in der Kantine dieses Werks gehört habe. Abdullah gehörte nich hierher. Die MOHWELIANER haben ihn aus dem Werk vertrieben; schliesslich sogar aus dem Dorf. Die Zigarettenmarke, die nach ihm benannt wurde, gibt es nicht mehr. Orienttabak, weisse Schachtel, mild und würzig. Abdullah und sein Fes, in bestickter Weste und Pluderhosen zierte diese Packung mit den ovalen Zigaretten. Vor dem Nostradamus war die Welt so beschaffen: Jeder hatte gewöhnlichen Sex. Tiere zu penetrieren oder sich von Tieren penetrieren zu lassen war in Ordnung. Die Realität war realistisch und die Langeweile langweilig.

Maldoror Technologies und der interceiver Nostradamus haben uns daraus befreit.

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